Antikommunismus = Antisozialismus


Auslegung:

Die Art und Weise, wie der Kommunismus vor allem in den USA zur Zeit der McCarthy Ära bekämpft worden ist, läßt darauf schließen, daß hierbei nicht die menschenverachtende Herrschaftsverhältnisse in den kommunistischen Staaten die Ursache für den Antikommunismus gewesen waren, sondern vor allem  eigene Machtinteressen, die dann ebenfalls als Unmenschlichkeit bezeichnet werden können.

Diese einmal beiseite geschoben, boten und bieten die realen Lebensbedingungen, zumindest für einen nicht unerheblichen Teil der Bevölkerung in den Ostblockstaaten, durchaus Grund für eine Ablehnung  der ,,real - existierenden kommunistischen Systeme", die im eigentlichen Sinn keine kommunistischen Systeme waren/sind, sondern sozialistische (siehe Definition <Kommunismus>. Wie das zu verstehen ist, zeigte z.B. die Schriftstellerin Zenta Maurina in ihren Essays ,,Verfremdung und Freundschaft" (ISBN 387 164 123 5) im Jahr 1966 (2. Auflage 1988). Sie beschreibt darin die Situation der Schriftsteller in Rußland, die sich ihr Recht auf eigenständiges Denken bewahren woll(t)en, anhand ihrer Rezension des Buches von Valerji Tarsis:

,,[...] wer wissen will, was Freiheit [1966] in der UdSSR bedeutet, der muß das Buch von Valerij Tarsis »Krankensaal Nr. 7« [»Botschaft aus dem Irrenhaus« ...] studieren. [...] Chruschtschow [...] versprach Freiheit, ohne zu wissen, was dieses Wort bedeutet. Zu Stalins Zeiten kamen die Kämpfer für Freiheit und Wahrheit ins Gefängnis oder verschwanden spurlos von der Erdoberfläche. Wo und wie sie hingemordet wurden, wußte niemand. Die von Chruschtschow verheißene Freiheit bestand darin, daß er selbständig Denkende ins Irrenhaus sperrte. Wer der Wahrheitsaussage verdächtig wird, bei dem erscheinen Schlägertypen in weißen Kitteln, aus stumpfen Ochsenaugen blicken sie ihr Opfer an, verfrachten es mit Gewalt in die sogenannte Pestfuhre, die den Unglückseligen ins Moskauer Irrenhaus, die berüchtigte »Datscha Kastschenko« bringt, die heute von den Sowjetbürgern ebenso gefürchtet wird, wie zu Stalins Zeiten der finstere Kerker Lubljanka. Daß diese allen medizinischen, hygienischen und humanen Forderungen widersprechende Anstalt den euphoristischen Namen Datscha (Villa, resp. Erholungsort) trägt, erinnert uns daran, daß die Lüge zum Regierungssystem Sowjetrußlands gehört.

Valerij Tarsis [...] mußte [als] überzeugte[r] Revolutionär einsehen, daß das Sowjetregime nicht die ersehnte soziale Gerechtigkeit, sondern einen totalitären Polizei-Staat aufgebaut hat, der sich in nichts von dem verhaßten Faschismus unterscheidet. 1960 [...] wurde er unter Anwendung von Gewalt in die »Villa Kastschenko« abtransportiert. [...] großes Aufsehen [trug dazu bei], daß die Machthaber sich gezwungen fühlten, ihn 1963 zu befreien. Kaum aus der Datscha entlassen, in der die interessantesten Persönlichkeiten, die Kämpfer für das freie Gewissen eingesperrt sind, schrieb er die ,,Botschaft aus dem Irrenhaus", die natürlich in Sowjetrußland nicht erscheinen konnte und uns heute, in mehrere europäische Sprachen übersetzt, eine Vorstellung gibt, in welche Hölle ein Schriftsteller gelangt, der es wagt, das zu sein, was er ist. [...] Das Werk beginnt mit dem hellseherischen Wort [Dostojewskis], der vor hundert Jahren, den Bolschewismus voraussehend, schrieb: »Die Welt wird ins Wanken geraten wie nie zuvor. Nebel, Nacht wird Rußland umhüllen und die Erde wird weinen nach den alten Göttern.« [...] Die Gesunden kommen ins Irrenhaus, die Irren laufen in der Freiheit herum.

[...] das Wesen von Tarsis [.]: Ein unbezwingbarer Individualismus, der krasse Gegensatz des von der Partei geforderten sozialistischen Realismus, den der Verfasser »Opium für Dummköpfe« nennt. [...] Ohne poetische Ausschmückungen, im Stile eines Chronisten, berichtet er fragmentarisch von Tagnächten in der Anstalt, in der die Insassen nicht von Fachärzten, sondern von ärztlich geschulten Polizisten behandelt werden. Die Schrecken der Hölle, die machtlose Empörung der Unschuldigen, die Apathie der Betäubten [...]. Der größte Teil der Inhaftierten dieser Villa sind Opfer des sowjetischen Regimes. Vor der Revolution beherbergte diese Anstalt nie mehr als tausend »Patienten«, jetzt sind in denselben Räumen sechstausend zusammengepfercht. Die Irrsinnigen singen die Internationale nach einem selbst - verfaßten Text, in dem es von den Ärzten heißt:

»Mit Drogen sie zerstören
der Menschen Geist und Sinn.«

Widerspenstige kommen in die Abteilung für Tobsüchtige, wo sie bis zur Besinnungslosigkeit geprügelt werden. Die wenigen, tatsächlich psychisch Kranken können hier nicht geheilt werden, da für den Homo Sowjeticus der Begriff Seele überhaupt nicht existiert; schon der Gebrauch dieses Wortes gilt als Zeichen kontrarevolutionärer, also strafbarer Gesinnung. Alle »Kranken« erhalten das gleiche Medikament - Aminosin. Als geistig unnormal werden alle erklärt, die das sozialistische Paradies nicht schätzen, alle, die den Freitod einem Leben im Sowjet - Paradies vorziehen. Erschreckend groß ist die Zahl der Selbstmörder, die fast ohne Ausnahme junge Menschen sind. Zu den Irrsinnigen zählen auch alle, die bei dem Versuch, mit der amerikanischen Botschaft Kontakt aufzunehmen, ertappt worden sind.

Der Konflikt zwischen Eltern und Kindern ist groß. Die Sechzigjährigen, die Überlebenden, wollen ihre Kinder nach den Vorschriften der Partei erziehen, um ihnen ein gutes Auskommen, eine Karriere zu sichern. Das Generationsproblem ist in Sowjetrußland, wenn auch aus anderen Gründen, nicht minder scharf wie im Westen. Die Kinder wollen nicht den »Heldenweg« ihrer kommunistischen Väter gehen, der in eine Sackgasse führte und die persönliche Freiheit raubte.

Valerij Tarsis [...] behauptet, die russische Intelligenz vor der Revolution habe ein zehnmal höheres Niveau gehabt. Schon die Tatsache, daß zwei Familien in ein Zimmer zusammengepfercht sind, macht Freundschaft und Briefeschreiben, also Privatheit, auch außerhalb der Irrenanstalt unmöglich. Märtyrer sind nicht nur die Patienten, sondern auch die Ärzte, die nicht Polizisten, sondern wahrhaft Heiler sein wollen; sie sind gezwungen zu lügen, ihre Patienten zu mißhandeln, um nicht selbst als irrsinnig erklärt zu werden.

Voller Bitterkeit gedenkt Valerij Tarsis der Schriftsteller aus der freien Welt, die die Sowjetunion besuchen und, in ihr Vaterland zurückgekehrt, nur Positives über sie berichten. Er schlägt vor, man sollte John Steinbeck und anderen namhaften Persönlichkeiten des westlichen Geisteslebens nicht nur das Theater und die Bildergalerien zeigen, sondern auch die überfüllten Irrenhäuser. Die westlichen Schriftsteller sollten endlich wissen, wie es um die Freiheit ihrer Kollegen in der UdSSR bestellt ist. Wäre John Steinbeck in der Sowjetunion geboren, so hätte er keine Zeile drucken können, er wäre von den Handlangern Stalins liquidiert worden oder säße jetzt neben Tarsis - Almasow in der Hölle [...]

Weiter heißt es bei Tarsis: »Kein einziger genialer Denker, der die Aristokratie des Geistes verkörpert, angefangen von Heraklit bis hin zu Nietzsche, hätte eine so armselige und klägliche Lehre hervorbringen können wie dieser bärtige deutsche Philister »Karl Marx.« Nur stupide Dogmatiker, Demagogen und Verbrecher seien fähig, ihm zu folgen. Das Paradies des Kommunismus nennt er eine Knechtschaft, furchtbarer als die der Babylonischen Gefangenschaft. Es sei leichter, einen ausgewachsenen Wolf in einen Vegetarier zu verwandeln als einen sowjetischen Räuber in einen Menschen. Valerij Tarsis geht es um Sein oder Nichtsein der menschlichen Persönlichkeit, die Bert Brecht und seine Anhänger auszulöschen versuchen. »Man muß endlich einsehen, daß die freie Welt nicht für irgendwelche politischen Formeln und Systeme kämpft, sondern um die Rettung des Menschen!« [...]

Stalin ist tot, Stalins Geist scheint unsterblich zu sein."

erschienen 1966 im Maximilian Dietrich Verlag Memmingen

Definition:

Anti = gegen; Kommunismus = Gesellschaftsform, die in ihrer Idealform kein Privateigentum an Produktionmitteln (also auch Boden) kennt und in der gesellschaftliche und wirtschaftliche Entscheidungen kommun = gemeinsam gefunden werden
(
siehe auch <Kommunismus>)

Enzyklopädisch formuliert, richtet sich der Antikommunismus gegen die kommunistische Weltanschauung, Bewegung und, soweit vorhanden, gegen dessen staatliche Realität.

In der sogenannten zivilisierten Welt, gibt es nach meiner Auffassung keinen realen Kommunismus, sondern den damit verwechselten Sozialismus. Demnach läßt sich der Antikommunismus auch als  Antisozialismus definieren und zeigt adäquate Ausprägungen in Ideologie und Agitation.

Und weiter heißt es in den gängigen Enzyklopädien: ,,Die Ablehnung der politischen Theorie des Kommunismuses wurde im 20. Jahrhundert (nach der Oktoberrevolution in Rußland) mit der Ablehnung des bolschewistischen Systems in der Sowjetunion und des Stalinismus fortgesetzt und ging nahtlos in einen allgemeinen Antikommunismus über.

Ereignisse wie die Berlin-Blockade, Korea-Krieg und die Volksaufstände in der DDR (17. Juni 1953) und in Ungarn (1956) stützten den Antikommunismus in der westlichen Welt und insbesondere in der Bundesrepublik, was 1956 zum Verbot der KPD, zu Berufsverboten und Radikalenerlaß im öffentlichen Dienst führte."

Der Antikommunismus war die ideologische Basis für die ,,Politik der Stärke", die Westintegration, also die Unterordnung unter die Vormundschaft der USA, die Wiederbewaffnung der Deutschen durch Adenauer (,,ich hacke mir die Hand ab, wenn ... " und ,,nie wieder Krieg von deutschem Boden aus") und die Art von Wiedervereinigungspolitik, wie sie ebenfalls von Adenauer (und seiner jüngsten Nachfolgern) betrieben wurde (noch immer wird), der die Angst vor dem Bolschewismus im Nachkriegsdeutschland schürte, um sie für seine politische Wiederwahl zu nutzen.

Auch die SPD unterstützte die antikommunistische Stimmung, indem sie ihre Abgrenzungen gegen kommunistische Ideen aus der Weimarer Republik fortsetzte, obwohl ihr dadurch die CDU/CSU mittels geschickter antikommunistische/ antisozialistische Propaganda in den 50er Jahre wahlpolitisch das Wasser abgrub.

Durch ihre Abgrenzung, im Godesberger Programm, von der marxistischen Geschichts- und Gesellschaftstheorie, welches den Demokratischen Sozialismus zum Kern der SPD-Programmatik erhob, sollte sie als Volkspartei auch für bürgerliche Wähler wählbar werden.

Im Kalten Krieg der USA und der UDSSR steigerte sich der Antikommunismus in der McCarthy Ära zu einer fanatischen Hatz auf Bürger, die kommunistischer Ansichten verdächtigt wurden. Auf diese Weise wurde in dieser Nation die Stimmung für die permanente Aufrüstung geschaffen, an der sich die Rüstungsgüterproduzenten und deren Kapitalgeber goldene Nasen verdient haben und der ,,Kommunismus im Osten" dazu bewegt wurde, sich totzurüsten. Die eigenen sozialen Problem und Mißverhältnisse konnten auf diese Weise geschickt unter den Teppich gekehrt werden. Wie borniert weit die USA bei dieser Massenhysterie gingen, zeigt die Ausweisung von Charles Spencer Chaplin, gemeinhin bekannt als Charlie Chaplin, wegen des Vorwurfs, kommunistisch angehaucht zu sein.

Nach 1989/90, also nach der Ablösung der Herrschaft der kommunistischen Parteien in den ehemaligen sozialistischen Ländern, geben die für jeden ersichtlichen politischen und wirtschaftlichen Zustände dem Antikommunismus eine wirksame Erfahrungsgrundlage. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, daß auch schon vor den kommunistischen Herrschaftsformen in Osteuropa dort keine besonders humane Bedingungen geherrscht haben, und daß die dortigen, vom Westen aus als ,,kommunistisch" bezeichneten Regierung dem Attribut dieses Wortes im eigentlichen Sinn in keiner Weise nahe gekommen sind
(
siehe hierzu auch die Definition <Kommunismus>).

Der eifrige Kampf gegen den Kommunismus ließ die Gefahren des Faschismus übersehen. Die Rechtsradikalen Bewegungen errangen durch ihre vorgeblich antikommunistische Agitation großen Zulauf. Dabei sollte jedoch nicht vergessen werden, was ein bekannter SPD - Politiker einstmals nach dem Krieg ausgedrückt hat, nämlich daß ,,Kommunisten rot lackierte Faschisten seien". Dabei hatte er natürlich die realen Kommunisten im Sinn, die der eigentliche Bedeutung dieses Wortes eben nicht einmal annähernd gerecht geworden sind.

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© peter bechen