Unvergessene Begegnung

 
Weißt Du, was ein Ameisenorchester ist? Kennst du dieses ewige Geigen in den höchsten Tönen, dieses unendliche Brummen, Schrillen und Pfeifen in deinen Ohren, in deinem Kopf, welches dich Tag und Nacht, zynisch betrachtet, grenzenlos begeistert und dafür sorgt, dass es dir niemals langweilig wird? Ich kenne es genau, schon seit vielen Jahren. Es hat mir unzählige sinnlose Aufenthalte in den kranken Häusern unserer viel gepriesenen heiligenscheinlosen und zuweilen auch scheinheiligen in Weiß gewandeten Halbgöttern eingebracht. So landete ich schließlich völlig erschöpft, entnervt, körperlich ausgepowert und seelisch ausgebrannt von diesen penetranten Nervensägen in meinen Ohren und der geldschöpfenden Hilflosigkeit der einstig allmächtigen Autoritäten, meinem Ende vermeintlich nahe in einer abseits gelegenen kleinen Klinik, die nicht umsonst als Ort der letzten Hoffnung bei den unzähligen Aufgegebenen gilt, die unser keineswegs so ruhmreiches Gesundheitswesen jeden Tag, von der tätigen Masse unerkannt, ausspuckt, um all diese Austherapierten und zuvor noch gut Ausgenommenen in ihr letztes Schicksal zu entlassen. Obwohl selbst völlig darniederliegend begegnete ich hier Menschen in den Endstadien ihrer Krankheitskarrieren, deren Anblick meine eigene Dramatik gründlich relativierte.

Diese winzige anthroposophische Klinik mit gerade mal 75 Hoffnungssuchenden im nördlichen Schwarzwald besteht nicht aus einem dieser abscheulich hässlichen, grau betonierten, viereckigen Massenunterbringungsklötzen aus Glas- und Stahl, deren Anblick allein schon krank zu machen vermag, sondern sie ist ein liebevoll gepflegtes und stetig weiter durchgestaltetes Haus mit in vielen Jahren fortentwickelter Tradition. Keine langen, tristen Korridore in Grau und Weiß aus Plastik, sondern sanft geschwungene Wandelgänge mit viel Holz und Wänden in pastellenen Farben charakterisieren diese Stätte der Hoffnung kontra Hoffnungslosigkeit, kontra  Würdelosigkeit seiner Schutzbefohlenen, eine Gedankenwelt, die den Technokraten gängiger Krankenverwahranstalten längst abhanden gekommen zu sein scheint.

In dieser entrückten Welt der Farben und Düfte begegnete ich Petra in einem Pulk von Menschen, die diese gerade noch besucht haben und eben im Fortgehen begriffen waren, es ist nun schon viele Jahre her. Damals rollte ein dickes Bündel Decken, aus denen oben ein belockter Kopf herauslugte, auf einem Rollstuhl in dem engen Krankenhausflur so rasch auf mich zu, dass ich reflexartig in eine schmale Nische zurücktrat, in der Hoffnung, dass dieses voluminöse Etwas an mir vorbei zu rollen vermag. Wer damals den Rolli geschoben hat, weiß ich nicht mehr, doch dafür erinnere ich mich umso genauer an das Gesicht dieses in unzähligen Decken unförmig eingewickelten Menschen. Die beiden glutschwarzen Augen einer jungen Esmeralda mit schmalen Gesicht im südländischen Teint mit einer etwas etwas zu spitzen Nase und klar geschnittenen, keineswegs vollen Lippen, umgeben von langem, schwarzem, lockigem Haar, musterten mich unvermittelt geschwind und schon war das Gefährt samt begleitender Heerschar an mir vorüber. Zurück blieb eine vom Geruch der Verwesung geschwängerte Luft, im totalen Kontrast zu der jungen Frau gerade eben.

Wenn es dir körperlich so richtig schlecht geht, verlierst du bereits in jungen Jahren keine Gedanken mehr an große Liebe und all die erotischen Komponenten dieser ansonsten doch so allumfassenden Gefühlswelt. Dann bist du froh, wenn du mit Hängen und Würgen über die Runden kommst. Du hoffst ganz bescheiden auf gesundheitliche Besserung, auf die Chance, noch einmal dem vorgeblich Unentrinnbaren, dem innerlich nicht akzeptierten Endgültigen entkommen zu können. So dachte ich nicht mehr an die glutäugige Schöne und ließ mich dafür um so mehr auf die heilende Welt der besonderen, ganzheitlichen Therapien jener Geheimtippklinik dort am Waldrand ein. Zwar sah ich von Ferne noch einige Male den mit Decken überladenen Rollstuhl samt darin vermummter Fahrerin, doch ich verdrückte mich immer rasch, weil ich den diesem nachfolgenden Geruch einfach nicht mehr zu ertragen, geschweige diesen definieren vermochte. Jede Art Aufregung oder gar Erregung meines Gemütes trachtete ich zu vermeiden, in der unablässigen Hoffnung, durch unterwürfiges Wohlverhalten meinen schrecklichen Mann im Ohr zu besänftigen oder wenigstens gnädig zu stimmen, der mir ununterbrochen sein nerviges Schrillen vermittelte. Nachts lag ich seinetwegen wach im Bett und ärgerte mich zusätzlich über das endlose, mir menschenverachtend erscheinende Geschnarche meines Zimmernachbars.

Aus dem Krankensaal ein paar Türen weiter hörte ich die furchtbaren Schmerzensschreie meiner jungen Rollstuhlfahrerin. Geschäftig eilte wie üblich den gekrümmten Krankenhausflur nach hinten zu ihr, Stimmen hallten wie aus weiter Ferne und verklangen schließlich im Dunkeln der Nacht im Krankenhaus. An Schlafen war somit für mich nicht mehr zu denken. Also schlurfte ich zum Stockwerksklo, denn mein Zimmer besaß kein eigenes. Dort saß ich also in einer der unzähligen Nächte gegen zwei Uhr in der Frühe ziemlich deprimiert angesichts meiner düsteren Perspektiven. Durchs Klofenster kroch kalte Januarluft von Zigarettenrauch geschwängert herein, bei absolutem Rauchverbot im Klinikbereich. Wer mochte in der wahrhaft rabenschwarzen Dunkelheit dort draußen vor dem Toilettenfenster sitzen? Beim Verlassen des WC's schaute ich angestrengt durch die Glastür in die Nacht nach draußen auf die Terrasse und sah dort einen kleinen roten Punkt, der im Intervall periodisch hin und her schwang, und beim Aufglühen immer wieder für Sekundenbruchteile schwach beschienen die Konturen des mir bereits bekannten schmalen Gesichts mit den dunklen Augen aufleuchten ließ. Esmeralda, meine Zigeunerin, wie immer in unzähligen Decken eingewickelt, kauerte dort draußen im Dunkeln auf einem alten wackligen Stuhl. Ich trat sacht nach draußen zu ihr in die kühle Januarnacht und lehnte mich unweit von ihrem Stuhl entfernt stehend an den Rahmen der hinter mir geschlossenen Terrassentür. Lange Zeit vernahm ich nur das Wispern und Rauschen der Baumkronen und die inhalierenden Atemzüge Esmeraldas. Zögerlich sind wir schließlich irgendwann dann doch noch miteinander ins Gespräch gekommen, ich weiß nicht mehr genau wie. Dabei stellten sich dann aber verblüffende Übereinstimmungen heraus, denn Esmeralda trug das weibliche Pendant meines Vornamens, nämlich Petra und lebte im gleichen Stadtviertel jener süddeutschen Großstadt, in welcher auch ich aufgewachsen war, sie hatte im gleichen Sandkasten gespielt, in der gleichen Schule gelernt, wie ich, nur eben zehn Jahre später, so dass wir uns gegenseitig für unsere Schicksale zu interessieren begannen. In einigen Tagen wird Petra ihren Einunddreißigsten, am gleichen Tag fast wie ich meinen Einundvierzigsten erleben. Wir sind beide Sternenkinder nach dem Sternzeichen Wassermann, dem Zeichen des Zeitalters, in dem alle Menschen Brüder werden sollen - schön wärs.

Rauchen war in der beschaulich kleinen Schwarzwaldklinik keineswegs gern gesehen, doch Petra war es als Ausnahmefall gestattet, und statt der dort üblichen vegetarischen Kost ließ sie sich täglich den Pizzaservice aus dem nahe gelegenen Ort unten im Tal kommen. Während wir uns gegenseitig immer weiterreichender unser bisheriges Leben eröffneten und in Erinnerung an unsere Jugend schwelgten, entfaltete Petra eine solch überschäumende Lebenskraft und -freude im Stillen, wie ich sie an mir selbst schon seit Jahren nicht mehr entdeckt gehabt habe. Sie war eine erst dreißig Jahre junge vollblütige Frau mit all dem Optimismus und all der unbändigen Lebensfreude, die nur jungen Menschen zueigen ist, anbetracht eines anscheinend ewig währenden Lebens.

Petra saß in einer Mauernische am Rande des Vorplatzes auf einem wackligen Stuhl, der einst in alten Bauernstuben üblich gewesen war, ich selbst direkt daneben. Bei ihr zuhause warte ein erst zweijähriger Sohn den sie gern noch heranwachsen sehen möchte. Privat sei sie jedoch keineswegs glücklich mit dessen Vater, denn dieser habe sie bislang trotz ihrer schrecklichen Lebenssituation nicht getragen. Überhaupt habe er ihr in entscheidenden Augenblicken ihres einseitig gemeinsamen Lebens noch nie so recht beigestanden, weshalb sie sich schließlich erst vor kurzem von ihm getrennt habe, ohne jedoch einen endgültigen Schlusspunkt zu setzen. Ihre Worte erweckten nicht den Eindruck von Zweckaussagen, sondern glichen eher einem resignativen Resümee. Vor drei Monaten erst sei sie schließlich zu einem Arzt gegangen, nachdem sie zunehmend Schmerzen beim Gehen in ihrem Hüftgelenk empfunden gehabt habe, Schmerzen, die täglich zunahmen und ihr schließlich unerträglich geworden seien. So saß sie jetzt hier neben mir in diesem Krankenhaus der Hoffenden, denn von ihren ärztlichen Ratgebern hatte ihr keiner mehr Hoffnungen gemacht. Nur eine ausschließlich  telefonisch erreichbare Wunderheilerin erklärte ihr für viel Bares ihre Krankheit. Viel Geld habe sie zwar nicht, da sie ja ihren kleinen Jungen nun voraussichtlich alleine würde durchbringen müssen, doch die telefonische Fernheilerin habe ihr mitgeteilt, dass sie da vor ihrem inneren Auge erkennen könne, was mit Petra los sei. In deren Körper habe sich eindeutig ein spinnnetzartiges Gewächs breit gemacht, Wucherungen, die alsbald in sich zusammenfallen werden, so dass Petra letztlich über ihre Krankheit triumphieren wird. Petra jedoch war in Wahrheit ernsthaft krank, unheilbar krank, todkrank. Sie wollte es selbst aber nicht glauben, obwohl ein Sarkom bereits nach drei Monaten schon ihre Knochen und Eingeweide zerfraß - sich in ihrem ganzen Organismus ausbreitete, mit gespinstartigen Wucherungen ohne jegliche Überlebenschancen für die lebenssüchtige Petra. Die sonst so hoch gelobten ärztlichen Serienstars hatten Petra vom ersten Augenblick an sofort aufgegeben. Doch sie wollte leben, weiterleben, wollte ihrem Kind Mutter sein, hielt sich verzweifelt an ihrer Verantwortung für ihren Jungen fest. Deshalb war sie nun hier in dieser Klinik der letzten Hoffnung, deshalb durfte sie rauchen und Pizzas verschlingen. Es gab für sie keine Hoffnung mehr. Nur für sie selbst gab es noch einen Weg, ein Glaube an eine irdische Zukunft. Vor Schmerzen konnte sie schon nicht mehr laufen, auch mit Morphium nicht mehr schlafen, schrie sie Nacht für Nacht vor unerträglich werdenden Schmerzen. Typischerweise fror sie ständig und musste sich deshalb dick in unzähligen Decken einwickeln, so dass sie wie ein Michelinmännchen aussah, offenbar viele hundert Kilo schwer. An unzähligen Stellen ihres Körpers entstanden unmittelbar unter der Haut runde, glatte Gebilde wie dicke Lymphknoten in der Form von Vogeleiern. Sie legte ihren Kopf an meinen Bauch und Tränen sickerten leise über ihre Wangen aus babyglatter Haut. Sie weinte still in sich hinein. Obwohl ich ihr doch eigentlich ein Fremder war, streichelte ich sacht ihr Haar, hielt sanft tröstend ihren Kopf. Romantisch helles Mondlicht ging auf und ich sah unzählige feine graue Strähnen und in ihren Wurzeln ergrauendes Haar zwischen ihrem wahrhaft dichten, festen Lockenhaar, graue Streifen, wie sie erst im fortgeschrittenen Alter üblich sind, aber nicht mit dreißig, nicht für eine quirlige Esmeralda, die orientalisch erscheinende Schönheit aus Tausend und eine Nacht mit dem olivefarbenen Teint des Mittelmeers, mit der Kraft und noch immer ungebrochenen Lebensfreude eines Menschen am Anfang seines Lebens, am Anfang eines neuen Jahres, dessen Ende für Petra schon damals greifbar nahe war.

Mein höchst persönliches Ameisengeigenensemble in meinen Ohren war über alle Maße begeistert von meiner dramatischen Fassungslosigkeit angesichts Petras Schicksal. Es kreischte und quietschte in den höchsten Tönen, so dass ich, zurück in meinem Krankenbett, in Tränen ausbrach und nicht mehr wusste, wem diese nun mehr galten, meinen eigenen Quälgeistern, oder Petras schicksalhafte Aussichtslosigkeit und ihre fortwährenden Schmerzen.



Eingebunden in die vielfältigen Behandlungsansätze und Therapien dieses speziellen Krankenhauses, die einen kranken Menschen ganzheitlich umfassend seiner Heilung zu zu führen versuchen, war ich in den folgenden Tagen so sehr beschäftigt, dass ich Petra meist nur aus weiter Ferne sah, obwohl ihr Zimmer keine drei Türen von meinem entfernt lag. Es war gar nicht so sehr die Angst vor ihrer schlimmen Krankheit, empfand ich doch für mich selbst auch nicht gerade tolle Zukunftsperspektiven, nein, es war meine Hilf- und Trostlosigkeit, angesichts eines solch grausamen Schicksals, und ich wusste keinen Rat, sah keinen Ausweg. Ist es richtig, eine solche Erkenntnis und Auffassung einer Todkranken gegenüber zu artikulieren, verurteile ich diese so nicht erst recht zum Tode? Kann ich denn nicht durch Perspektiven der Hoffnung in Petra die Kraft wecken, sich erfolgreich gegen ein so schlimmes Schicksal aufzulehnen? Was weiß ich denn schon wirklich über die Dinge, die sich da so geheimnisvoll in unsrem Körper, in unserer Seele entwickeln und dazu führen, dass einmal ein für rettungslos verloren geglaubter Mensch sich unvermittelt als Gesunder vom Krankenlager erhebt, während ein anderer an einem Bagatellinfekt zu Grunde geht. Und dann auch dieser schlimme Geruch der Verwesung bei lebendigem Leib, der Petra stets begleitete, wohin sie auch rollte, der mich immer an ihr Unvermeidliches erinnerte. Irgendwann saß ich schließlich doch in ihrem Krankenzimmer neben ihrem Bett, auf dem sie lag, wobei mir nicht klar war, ob ich mich dabei regelgerecht verhalte, wenn ich so ganz allein, während der Ruhezeit, neben dem Bett meiner Mitpatientin sitze. Ich weiß heute nicht mehr genau, worüber wir dabei gesprochen haben, auf jeden Fall vermieden wir das Thema Krankheit. Ich erinnere mich aber um so genauer an meine eigene Verblüffung, als ich Petras Arme dabei zum ersten mal unverhüllt sah. Es waren schlanke Arme, nicht die ausgemergelten Gliedmaßen einer Sterbenskranken, auch nicht die Proportionen eines übergewichtigen Michelinmännchens, sondern die grazilen Formen einer sonst verhüllten Schönheit. Sie versuchte mich zum Spielen und Albern zu animieren, und vermittelte mir, dass sie sich unbändig darüber freut, dass ich sie in ihrem Zimmer besuche.


Das Wetter jener späten Januartage wechselte täglich. So schneite es oft bei Nacht und die Sonne am folgenden Tag ließ die weiße Pracht wieder zu Matsch zerrinnen. Im Schein der Sonne war es zuweilen schon angenehm warm und so nahm ich mir ein Herz und lud Petra zu einem ad hoc Ausflug im Rollstuhl mit vielen Decken ein. Puh, es war gar nicht so leicht, den Rollstuhl samt Petra in ihren unzähligen Wickellagen über die holprigen Wege zu schieben, denn die unzähligen Krankenhausaufenthalte der davor liegenden Monate hatten mich schon schwer geschwächt gehabt. Ich ächzte und geriet doch sehr ins Schwitzen, so dass wir immer wieder kleine Pausen einlegen mussten, die Petra dazu nutzte, sich einen weiteren ihrer Sargnägel zu genehmigen. Wir sprachen sehr intensiv miteinander. Zwar könnte ich diese Dialoge hier wiedergeben, doch dies hieße mich heute noch einmal tief in Petra hinein zu versetzen. Darum möchte ich einfach nur den Tenor unserer Gespräche wiedergeben. Wir ergründeten gemeinsam geistig die Ursachen von Petras Krankheit, oder genauer gesagt, wir versuchten es ganz so, wie es Menschen tun, wenn sie eigentlich keinen Rat mehr wissen. So sind wir all zu leicht geneigt, alle Krankheiten über unsere Seele zu ergründen, was sicherlich nicht falsch sein muss, aber eben auch nicht immer Heilung bringend ist. Petra hat sich in ihrem bislang kurzen Leben nicht angenommen fühlen können, weder von ihrem südländischen Vater, der so früh aus ihrem Leben entschwunden ist, noch von ihrer deutschen Mutter, die sich schon lange mit einem anderen Mann zusammen getan hat, der nie danach getrachtet hat, die Rolle des Stiefvaters zu übernehmen. Die Mutter war somit zwar noch nicht endgültig aus Petras Leben getreten, aber doch für sie unerreichbar geworden. Petra fühlte sich von ihr allein gelassen. Der Vater ihres Sohnes schien in die selben Fußstapfen zu treten, wie all die anderen Menschen aus ihrem persönlichen Umfeld. Manchmal war er gegenwärtig, doch wenn sie ihn brauchte, war er üblicher Weise nicht zu erreichen. So trug sie die Verantwortung für ihr gemeinsames Kind weitgehend alleine und hatte sich deshalb schon mit ihrem Schicksal abgefunden gehabt, eben allein durchs Leben zu gehen, da ja doch auf niemand wirklich Verlass sei. Wie leicht war unter diesen Gegebenheiten zu erkennen, dass Krebs eine Art von Schrei nach Liebe sei, der vor allem solche Menschen heimsucht, die ihre Gefühle nicht leben dürfen oder können, die stumm ihr Schicksal zu ertragen suchen, statt sich gegen die empfundenen Misshandlungen aufzulehnen. Vielleicht besteht die Möglichkeit, den Krebs mit diesem Wissen doch noch zu besiegen?

Mir trieb der Schweiß beim Schieben aus meinen Hautporen und an einem kleinen Hügel ging mir meine Puste endgültig aus. Es beschlich mich ein Gefühl von Kraftlosigkeit anbetracht unserer anvisierten Spaziergangroute, die auf einem einsamen Weg an der Peripherie des Dorfes vorbei führte. Also wählte ich eine Abkürzung durch einen mir unbekannten uneingezäunten Garten, an dessen anderem Ende die Strasse angrenzte, die auf kürzerem Weg zum Krankenhaus zurückführte. Doch die angestrebte Abkürzung gestaltete sich schwerer als von mir vermutet, den Rollstuhl mit Petra über die matschweiche Schneedecke zu schieben war hier noch schwerer, als auf den befestigten Wegen zuvor. Schließlich trennte auch noch ein nicht all zu hohes Mäuerchen den Garten hinunter zur Strasse. ,,Oh Petra, nun haben wir nur noch zwei Möglichkeiten hier weiter zu kommen - entweder muss ich dich auf Händen tragen, wie über die erträumte Schwelle, was mir sicherlich sehr lieb wäre, wozu ich mich aber für viel zu schwach halte, oder wir müssen deinen Rolli den ganzen mühsamen Weg mit all dem Schnee wieder zurückschieben". Ich fühlte mich Petra gegenüber schuldig, so unbedacht gehandelt zu haben, denn mir war klar, dass ich in meiner gegenwärtig desolaten Verfassung nicht in der Lage sein würde, Petra in meinen Armen zu tragen, noch dazu mit all den vielen Decken, die sie um ihren Körper geschlungen hatte. Doch sie lachte nur dazu, erhob sich aus ihrem Rolli, als wäre dies das geringste Problem auf der Welt und stieg den Mauerabsatz hinunter, der doch immerhin fast einen Meter hoch war. Als ich ihr dabei half, flüsterte sie mir sacht ins Ohr ,,Peter, du glaubst bestimmt, dass ich viel zu quirlig gewesen wäre, wenn wir uns je an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit unter anderen Umständen in unserem Leben getroffen hätten?". Ihr Eindruck täuschte sie nicht, ich war wirklich beeindruckt von ihrer Power, die ja doch ohne ihre Krankheit noch um ein Vielfaches größer gewesen sein musste, als eben jetzt gerade. Ich hätte mich ihr ehrlich gesagt wirklich nicht gewachsen gefühlt, denn sie war halt doch eine echte Esmeralda, meine Esmeralda? Ein solches Drama hätte ich nicht überlebt, ohne bleibenden Schaden daran zu nehmen.




In den folgenden Tagen verschlimmerten sich Petras Schmerzen, wurden für sie unerträglich. Das Morphium half nicht mehr, dem Pflegepersonal gelang es nicht, die Schmerzen wenigstens  erträglich zu gestalten. Petra verlor alle Hoffnung, das Krankenhaus der letzten Hoffnung war für sie zur Klinik der Hoffnungslosigkeit geworden. Man riet zu einer von Nonnen geführten Stuttgarter Klinik, welche in Hinsicht auf eine wirksame Schmerzbehandlung für die verbleibenden Tage erfolgreicher sei.

Es regnete und schneite in den ersten Februartagen damals wieder einmal in einem fort. Just in diesem Augenblick erhielt Petra Besuch von ihrem von ihr temporär getrennt lebenden Lebensgefährten. Ich begegnete beiden vor der Klinik, als ich mich gerade anschickte, einen langen Spaziergang durch die trostspendeneden Wälder der Umgebung zu unternehmen, im Glaube, dass mir Bewegung gut tun würde im Kampf gegen meine akustischen Quälgeister. Beim Heraustreten aus dem Krankenhaus fragte mich Petra unvermittelt von hinten nach meinem Befinden. Sie saß dort mit einem jungen Mann ihres Alters, der hier mitten  im Winter bei miesem Wetter und wirklich niedrigen Temperaturen lediglich mit einer Jeans, einem recht dünnen, weißen, kurzärmligen Tshirt und einer schwarzen Lederjacke darüber bekleidet war. Beide rauchten eifrig und schienen guter Dinge. ,,Na ja, ich muss jetzt gehen, mich nervt mein Ameisenorchester und im Wald kann ich das besser ertragen und auch verdrängen als in geschlossenen Räumen", erwiderte ich und ging mit hochgezogenen Schultern hilflos lächelnd verlegen weiter, indem ich mir meine Mütze noch tiefer ins Gesicht zog. Auf dem Rückweg zur Klinik, nach meinem kleinen Frischluftexodus, traf ich den jungen Mann in seiner sommerlichen Aufmachung auf dem Weg durch den Wald zum Bahnhof im Tal wieder. Ich sprach ihn an und versuchte zu ermitteln, wie weit er sich der Aussichtslosigkeit von Petras Lebenssituation eigentlich bewusst sei. Doch er war überhaupt nicht imstande deren miese Lage abzuschätzen und sprach von abstrusen Zukunftsplänen, die mir die Haare zu Berge hätten stehen lassen, wäre da nicht meine schwere Kappe darüber gewesen. Seinen Sohn hatte er schon seit Tagen nicht mehr gesehen, geschweige denn irgendwie versorgt, dafür käme ja jetzt seine von ihm verhasste Schwiegermutter in spe auf. Dabei schlotete er einen Glimmstengel nach dem anderen, schlug schließlich seinen Kragen hoch um mit verdrossenem Gesicht die übrigen fünf Kilometer durch den Wald zum Bahnhof tief da unten im Tal zu traben. Verdrängung pur oder Unfähigkeit, ich habe es nicht herausgefunden.



Wenige Tage darauf mühte ich mich mit ergotherapeutischem Ton in meinen Händen ab, knetete und quetschte die Masse und fühlte mich keineswegs wohl dabei. Es ging mir eher schlecht mit all diesen heilsamen geometrischen Urformen, mit den geschwungenen Linen und wulstigen Würsten, die sich da zwischen meinen Fingern verdichteten. Ob ich mal kurz mit hinaus kommen könne, fragte mich unvermittelt meine Therapeutin zwischen all den anderen eifrigen Patienten, ich würde im Vorraum erwartet. Wer soll mich hier schon besuchen kommen?, fragte ich mich, während ich der Aufforderung ratlos zögernd nachkam und mit unsicherem Gang und ratlosem Gesichtsausdruck durch die vielen Türen und hallenden Flure entlang schritt. Im Vorraum saß Petra in ihrem Rollstuhl, rollte auf mich zu, stand auf, umarmte mich, küsste mich sehr liebevoll auf meine Wangen um sich von mir zu verabschieden. Sie gehe nun zu den Nonnen, die sich wohl besser auf Morphium verstünden. Noch ehe ich mich wieder gefasst hatte und recht zur Besinnung kam, war sie auch schon auf dem Weg dorthin. Ein Zivildienstleistender hatte Petra auf deren Wunsche hin zuvor extra noch zu mir zu den Ergotherapieräumen im Keller der Klinik schieben lassen, um mir Lebewohl zu sagen, um sich für mich klar erkennbar von mir zu verabschieden und ich stand da, kaum fähig mich zu rühren, dass ich es gerade mal noch geschafft habe, meine Arme um sie zu schlingen und Petra zögerlich an mich zu ziehen, unfähig, sie allumfassend wahr zu nehmen, ihr einen wirklichen Kuss zu geben, der ihr zeigt, dass sie lebt, dass sie mich erreicht hat, ganz tief drinnen in meiner Seele, dass sie ein über alles lieber Mensch ist, für mich und überhaupt, da war sie schon wieder weg, viel zu weit fort, auf dem Weg ins Ungewisse. Sie hat mir gedankt, und ich weiß bis heute noch nicht einmal genau wofür. Es war ein Moment, der mehr wiegt, als so vieles im Leben, und doch komme ich mir im Nachhinein dabei so unendlich klein vor. Warum ist es in solchen Augenblicken doch so unendlich schwer all das zu sagen, was einem das Herz zerreißt, was dringend gesagt werden müsste - Petra, ich möchte dir noch so viel sagen und doch komme ich mit allem nicht zurecht, nicht mit deinem Sarkom und meiner Angst davor und vor den schlimmen Gefühlen, dem Drama angesichts eines Menschen, der nicht alt werden darf, der seines Lebens beraubt wird und der Angst vor meinem eigenen ungewissen Schicksal mit all der täglichen Quälerei, die sich ein gesunder, ein vom Schicksal wohlwollend behandelter Mensch nicht einmal in seinen schlimmsten Horrorträumen auszumalen vermag. Petra, du musst sterben, dein Leiden ist bald vorbei und doch möchte ich nicht mit dir tauschen, wir sterben alle allein.



Eine Woche später erwachte ich aus einem schönen Traum, dessen Melodie sich in die Wirklichkeit herüberzog. Vor meinem Krankenzimmer stand die gesamte Belegschaft des ganzen Krankenhauses mit Beethovens ,,Freude schöner Götterfunken, Tochter aus ...." auf den Lippen, meinem Lieblingslied jener Tage, dem Lied des Wassermannzeitalters, und brachten mir mein Geburtstagsständchen mit den besten Wünschen für meine Zukunft. Es berührte mich tief was ich da vernahm, so etwas habe ich noch nie in meinem Leben erlebt, geschweige erwartet. Ich denke, dass sich da viele Krankenanstalten eine dicke Scheibe davon abschneiden sollten. Und ich möchte noch heute meinen Dank an die Belegschaft dieser Klinik von damals zum Ausdruck bringen.

Eine weitere Woche darauf musste ich wieder auf meinen eigenen Beinen stehen, dem alltäglichen Leben der Selbstversorgung auch unter erschwerten Bedingungen in Selbstverantwortung unterworfen. Da mein Leiden unheilbar ist, werde ich lernen müssen, damit zu leben und das Beste daraus zu machen, was unter solchen Umständen eine völlig neue Note erhält. Jeden Tag dachte ich daran, wie es wohl Petra inzwischen gehen mag, sie lag ja keine 25 Kilometer von mir entfernt im Krankenhaus der Nonnen. Ich hatte nichts mehr von ihr seit jenem Abschied gehört, habe nicht gewagt bei ihr anzurufen, mich bei ihr zu erkundigen, aus Angst vor einer schrecklichen Gewissheit, vor der ich mich fürchtete, und die ertragen zu müssen mir sehr schwer fallen würde auch angesichts meiner eigenen gesundheitlichen Problematik. Ende Februar, also eine weitere Woche später, nahm ich schließlich meinen Mut zusammen. Heute werde ich zu Petra fahren, ich hab schon viel zu lange gezögert, mich viel zu lange versteckt. Aber zuerst musste ich anfragen, wann Besuchzeit ist. Die Schwester am Telefon teilte mir mit, dass Petra noch lebe, dass es aber bereits so schlecht um sie bestellt sei, dass sie sich keine Besuche mehr erwünscht.

Zwei Tage später rief mich Petras Mutter an und teilte mir den Tod ihrer Tochter mit, ihre Leiche sei auf dem Weg nach dem Süden Italiens zum Geburtsort des Vaters. Dort, in der weißen Mauer mit den vielen kleinen Bildern einst Lebender, dort ist es bestimmt nicht mehr so kalt, wie hier in Deutschland im Winter, und die Menschen dort sind sicherlich alle so lebenslustig, wie Petra es auch in den letzten Tagen ihres viel zu kurzen Lebens noch gewesen war.

Peter Bechen

 

Glossar:
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Sarkome stellen eine bösartige Form von Krebserkrankung dar, die meist rasch letal endet. Zwischen dem für den Betroffenen deutlich erkennbaren Symptomen bis hin zum Endstadium vergehen oft nur wenige Monate. Sarkome entstehen in den Binde-, Stütz- und Nervengeweben, wie Knochen, Knorpeln, Nerven, Blutgefäßen, Muskeln und Fett. Bei Sarkomen zerfallen ab einem bestimmten Stadium u.U. je nach Erkrankungsart die sich entwickelnden Wucherungen (Tumore) von ihrem Inneren heraus, was einen typischen Verwesungsgeruch auslösen kann.

Die Ursachen dieser Art von Krankheit sind nicht eindeutig geklärt. Strahlung, chemische Gifte, erbliche Disposition, aber auch Viren spielen hierbei eine wesentliche Einflussgröße. Die (Herpes-) Viren (Kaposi-Sarkom) können durch Speichel (z.B. beim Küssen) und andere Körperflüssigkeiten übertragen werden. Wissenschaftliche und medizinische Beobachtungen bestätigen, dass die meisten Krebserkrankungen vornehmlich umweltbedingt und nicht so sehr erblich bedingt sind.

Krebs steht als Todesursache bei Erwachsenen in der zivilisierten westlichen Welt an zweiter Stelle, im zweiten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts wird Krebs voraussichtlich zur Haupttodesursache werden. Bei Kindern im Alter zwischen 1 und 14 Jahren ist Krebs bereits heute die Todesursache Nummer eins.

Als Behandlungsform kommt meist die Chemotherapie zur Anwendung, insbesondere sobald der Sarkom im Körper zu streuen begonnen hat.

 

Tinnitus ist eine symptomatische Begleiterscheinung bei Störungen des sensorischen Systems, welches akustische Reize im Menschen transportiert und verarbeitet. Tinnitus selbst stellt also keine Krankheit dar. Theorien über die inneren Ursachen gibt es viele, bewiesen sind die wenigsten. Als Auslösefaktoren wirken sozialer und körperlicher Stress, emotionale Konflikte, Lärm (Disco, Walkman, Fabrikations- und Maschinenlärm), Pistolenschussknall, Infektionen, auch viruelle Infekte (z.B. Herpes).

Das Symptom Tinnitus äußert sich für den Betroffenen selbst in Tönen, welche nicht aus der Umwelt kommen und deshalb nur für den Tinnitiker wahrnehmbar sind. Meist handelt es sich hierbei um hohe Töne wie Pfeifen, Schrillen, Klingeln, aber auch Brummen und Klopfen sind möglich, sowohl permanent, als auch zyklisch. Tinnitus steht in der Regel in Verbindung mit anderen Erkrankungen, wie z.B. Hörsturz (auch Überdruck in der Hörschnecke = meist fluktuierendes Hörvermögen mit häufig rezidivierenden Hörstürzen / oligosymptomatischer Ménièr), Hörnervtumor (nervus akustikus neurinom / gutartig aber behandlungsbedürftig), Gleichgewichtsorganerkrankung (Überdruck in den Bogengängen / Ménièr), Blockierungen der Halswirbel, z.B. auch nach Unfällen, Geschlechtskrankheiten, Diabethes), Duchblutungsströrungen.

Da Ohrgeräusche vom Betroffenen häufig zumindest in der Anfangphase als nicht unmittelbar willkürlich steuerbar erlebt werden, können diese u. U. als nervlich extrem belastend empfunden werden. Von daher ist das Suizidrisiko in der Anfangsphase je nach Ausprägung der Belastung hoch. Je nach Ursache sind unterschiedliche Behandlungsansätze möglich. Bislang arbeiten jedoch die einzelnen medizinischen Disziplinen insbesondere in der akuten Anfangsphase keineswegs sinnvoll koordiniert als Notfallbehandlung/ -bewältigung zusammen, so dass Betroffene oft auf sich selbst gestellt mühsam ihr Heil eigenständig suchen müssen, was zu vertiefenden Schädigungen insbesondere infolge der hierdurch auftretenden Begleitängste und definitiven Behandlungsfehlern führen kann, insbesondere bei unterwürfigen Patienten.

 max ab 800 x 600

 

                                  

 

 

 - zur Hoffnung -