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Standhaft stelle ich mich ins Dasein ...
 

... dieser Meditationsansatz, in all seinen Verästelungen, kann mein "Ich" erweitern, meinen Lebensweg beeinflussen, meint Frau Müller, die ihn mir mittels rhythmischer Bewegungsmuster im Rahmen einiger Eurhythmiestunden näher gebracht und vertraut gemacht hat. Frau Müller ist kein literarischer Kunstgriff, keine Erfindung meiner Phantasie, um einen Kristallisationspunkt zu bieten, mit dem sich der Leser identifizieren kann, der mit seinen Augen diese zu Schrift kristallisierten Gedanken in sich aufnimmt, nein, diese Frau existiert in Wirklichkeit. Sie ist Heileurythmistin, eine junge Frau mit einer gehörigen Portion Eigenwilligkeit, die mir durch ihr Wesen immer wieder Rätsel aufgibt.

"Welche Bedeutung hat der Sinnspruch von der Standhaftigkeit in seiner vollen Tragweite?" - sinniere ich etwas zu laut zu mir selbst vor mich hin, während ich auf mein Mittagessen warte, das ich in dem kleinen Lokal bestellt habe, in welches ich mich des öfteren begebe, wenn ich wieder mal absolut keine Lust habe, mir meine Nahrung selber zuzubereiten, aber auch, weil es einfach die Illusion einer widerfahrenen Fürsorglichkeit vermittelt, wenn mir ein Essen fix und fertig vor mich hin auf den Tisch serviert wird. "Ich stehe jeden Tag meinen >Mann<, von früh morgens, bis spät abends", nimmt da ein Tischnachbar meinen zu öffentlich überdachten Gedanken auf. Mit seinem blauen Anton sitzt er mir, aus schwäbischer Sicht, notgedrungen gegenüber, da kein anderer Platz mehr frei gewesen ist. "Damit fasse ich immer wieder richtig zu und schufte von früh morgens bis spät in die Nacht", fährt er fort. "Ich forme Materie. Da schau dir doch mal meine Hände an, die können hinlangen, kräftig zufassen, die klotzen was raus. Mit ihnen verdiene ich meinen Lebensunterhalt. Meine Familie wird satt davon und kann sich auf mich verlassen", meint der stark mit Muskeln bepackte ,,Malocher", mit ´ner Halben in der rechten Pranke und einer Spur Bierschaum auf den Lippen.

Jetzt hängt natürlich die von ihm laut geäußerte Vorstellung in der Stammtischrunde des Lokals, in dem ich ursprünglich nur ein ,,preisgünstiges" Tagesessen einnehmen wollte. "Jungchen, glaubst du etwa, nur Männer können ihren >Mann< stehen?", erwidert daraufhin eine etwas verwelkte Dame von Welt. "Ich finde allein schon den Begriff >Mann< absolut fehl am Platz. Wir Frauen sind mindestens ebenso standhaft und vor allem viel weniger wehleidig, als ihr Mannsbilder. Manche von uns gebären ´nen Stall voll Gören, die wir dann mit viel Geduld, Selbstaufgabe, Aufopferung und Liebe meist auch noch alleine großziehen, da ja die Herren der Schöpfung dafür keine Zeit und Laune haben und sich oft sogar völlig aus dem Staub machen. Und eines schönen Tages sitzen diese Mütter als ausgemergelte alte Tantchen da, ohne Dankeschön, abgeschoben, irgendwo alleine vor sich hinvegetierend, aber eben mit dem Wissen, daß sie ihre >Frau< gestanden haben". "Na, die hat gut reden", höre ich vage die Bedienung, die eben noch am Tisch gestanden hat um meine Tischnachbarn mit Speisekarten zu versorgen, über die Aussage der illusteren >Frauenrechtlerin< vor sich hinbrummen. "Als wenn die schon mal Kinder großgezogen oder womöglich gar schwer gearbeitet hätte. Mir scheint die eher in der Horizontalen als am heimischen Herd beheimatet zu sein. Wenn die erst mal, so wie ich, jeden Tag von morgens zehn bis nachts um zwölf mit Suppenschüsseln in der Hand viele Schrittkilometer herunterzutraben hätte, dann wüßte >die<, was es heißt, standhaft seine Frau zu stehen, und nicht nur in weichen Kissen zu versinken".

"Mama, was sind Gören?" fragt das kleine, etwa dreijährige, zarte Mädchen, das sich zwischen eine verhärmte, stille Frau und den Arbeiter an die Ecke des Tisches gezwängt hat und gerade so eben über den Rand des Tisches zu blicken vermag. Mit einem flüchtigen scheuen Augenaufschlag blickt diese Tischnachbarin zu dem Mann im blauen Anton hin, der wohl ihr Ehemann ist, und meint dann mit hastig gesprochenen Worten leise zu ihrer Tochter: "Pst, wenn Erwachsenen reden soll >man< nicht dazwischensprechen".
"Hallo, Fräulein, ich möchte bitte bezahlen", ruft ein gepflegter Mann vom Nachbartisch nach der Bedienung. An seiner exklusiven, gut betuchten Kleidung, ist der erfolgreiche Geschäftsmann in ihm leicht zu erkennen. In der Mimik seiner braunen Augen unter den dunklen, klar gezogenen Brauen steht die Verächtlichkeit geschrieben, mit der er die Worte meiner Tischnachbarn bedenkt. Klar, er hat es zu etwas gebracht, hat >Werte< gescheffelt, mag stolz auf die Früchte seiner, von der maßgeblichen Gesellschaft erwünschten, ökonomischen Fähigkeiten sein. Er zieht es vor, seine Gedanken für sich zu behalten. Seine Art sich zu erheben, sich anzukleiden und das Lokal zu verlassen, verdeutlicht vollkommen die tiefe Kluft zwischen seiner Welt und der meiner unmittelbaren Tischnachbarn.
"Pah, früher habe wir keine solchen Flausen im Kopf gehabt. Beim Adolf war noch klar, was zu tun und zu lassen war. Der hat uns Arbeit gegeben und der Welt gezeigt, was es heißt Deutscher zu sein. Damals hat unsereins was gegolten und wir haben eine Welt geschaffen, in der es keine solchen Schmarotzer gegeben hat, die man heute in jeder Ecke findet. Ne, mit solchem Philosophengeschmeiß, das sich erst mal klar werden muß, was es heißt zu leben und wie man als Deutscher zu sein hat, mit denen hat er kurzerhand einfach Schluß gemacht. Die hat er ins Arbeitslager gesteckt, da sind deren Flausen schnell vergangen und sie waren richtig froh, wenn sie mal was zu Fressen hingeworfen bekommen haben."

"Ach Herrgott, wie kann man sich nur so ordinär ausdrücken, noch dazu in Anwesenheit von Kindern?" lispelt eine filigrane, ältere Frau zu dem dicken, verknitterten bierbäuchigen Alten, der sich soeben als Held der Vergangenheit hervorgetan hat. "Ach junger Mann" wendet sie sich mir zu, "mit solchen grundlegenden Existenzproblemen habe ich mich auch auseinandergesetzt, als ich nicht mehr weitergewußt habe. Aber da bin ich dann Gott begegnet. Ja, mein Glaube gibt mir Kraft zum Durchhalten, macht mich standhaft zur Überwindung der Klippen und den Willfährigkeiten des gemeinen Lebens. Kommen sie doch mal am Sonntagmorgen zum Gottesdienst oder am Sonnabend zu unserer gemeinsamen Andacht mit anschließender Bibelstunde. Glauben sie mir, das gibt Kraft und macht sie frei von der Angst vor der Sinnlosigkeit des Lebens und des Todes. Wohin ich auch gehe und was ich auch tue, ich bin nie mehr alleine, Jesus ist immer bei mir, und meine Brüder und Schwestern in der Gemeinde sind stets für mich da, wenn ich ihrer Hilfe bedarf. Glauben sie mir, Glaube ist ein kostbares Gut, er wird auch sie vor der Verdammnis der Sinnlosigkeit erretten".
"Hallo Rolf, bring mir noch á Viertele". "Aber Schorsch, du hast doch heut scho´ g´nug ins Glas guckt. So viel tut dir doch net gut, des hot dr Arzt dir doch au´scho´ g´sagt" beschwichtigt der Wirt fürsorglich seinen schon stark alkoholisierten Stammgast. "Komm´, jetzt go´sch hoim ond leg´sch de erscht mal na, na kosch heut obend wiederkomme´ ".

Mit kirschschwarzen Augen himmelt währenddessen, hinten in der Ecke der Wirtschaft, ein schlankes, langhaariges junges Mädchen mit tiefen Blicken ihren blonden Romeo an und kuschelt sich mit anmutiger Bewegung in seine Arme. Die beiden leben in ihrer eigenen kleinen Welt voller Geigen, im Schlaraffenland der Gefühle, die so stark machen, daß jeder Tag Sonntag ist, abhängig von dem gegenseitigen Wohlwollen als Bollwerk gegen die Zerbrechlichkeit ihrer Illusion. Für die beiden gibt es in diesem Moment die Frage nach der Standhaftigkeit nicht. Für die schwebendmachende Liebe existiert nur der Wunsch nach der gegenseitigen Akzeptanz, dem Fühlen, für den geliebten Menschen wichtig zu sein und von ihm geachtet zu werden und eine gemeinsame Zukunft zu besitzen. Die beiden necken sich und turteln auf ihrer Insel miteinander.

"Ich möchte bitte bezahlen", sage ich zur Bedienung, die sich gerade anschickt, mein Geschirr wegzuräumen. Da erhebt sich am Nebentisch eine verhärmt wirkende etwa fünfzig jährige Frau mittlerer Größe mit rot geädertem Gesicht. In ihrer Hand hält sie eine Leine. "Komm´ Räuber", ruft sie unter die Bank, auf der sie eben noch gesessen hat, "komm, Frauchen geht jetzt hoim, mir reicht jetzt des Gewätz von denen Mensche´ da. So a Tierle da ist doch allemol besser als a Mensch. Wenn mar sich auf´d Mensche´ verlassa will, no isch mar verlora". Und sieh da, es kriecht tatsächlich ein mittelgroßer Mischlingshund unter dem Sitzplatz hervor. Leftzend, sabbelnd mit wedelndem Schweif schnürt er hinter seiner von der Menschheit enttäuschten Herrin her.

Nach Begleichung meiner Spesen, erhebe ich mich, grüße die Anwesenden höflich und bin froh, dieser Runde schicksalsgeprägter Menschen zu entrinnen. Jetzt einfach durch den Park nach Hause gehen befriedigt mich nicht. Nach solch starkem Tobak zieht es mich in die Unberührtheit der menschenarmen Natur, soweit eine solche in unserem extensiv bewirtschafteten und überbevölkerten Land überhaupt noch zu finden ist. Also mache ich mich auf die Socken, werde zum Umweltfrevler, indem ich mich in meine motorisierte, abgasspendende Blechkiste schwinge, und kutschiere zum Lemberg. Still vor mich hinzugehen, das ist im Moment mein einziger Wunsch, ein Anliegen, das ich in meinem jetzigen Lebensabschnitt umsetzten kann, nachdem ich kein tragendes Mitglied dieser Gesellschaft mehr bin. Aber gerade diese Möglichkeit, persönliche Freiheit einfach verwirklichen zu können, ist ein Stein des Anstoßes in der Gemeinschaft der Steuerzahler, die jetzt für meine Lebenserhaltung aufkommt, obwohl ich dafür keine Leistungen erbringe, nicht mehr erbringen kann, da mir mein Körper eine unabweisbare Rechnung präsentiert hat, für die Art und Weise zu leben, wie ich sie im Einklang mit unseren Sitten und Gebräuchen gewohnt gewesen bin.

Während ich durch den Wald schlendere, Pflanzen- und Tierwelt um mich herum wahrnehme, sie sehe, sie rieche und die Töne der Natur höre, Sonnenstrahlen meine Haut erwärmen, die der Wind gleichzeitig zart streichelt, weichen Boden unter meinen Schuhen spüre, in den ich meine Spur präge, die nicht gleich ein fürsorglicher, sauberkeitsfanatischer Mitmensch wieder wegwischt, verschwindet allmählich die Enge in meiner Brust, löst sich die Getriebenheit in mir, welche in dem Wirrwarr an Gedanken zum Ausdruck kommt, die mir ständig in den Sinn kommen und meinen Verstand fordern, oder klarer ausgedrückt, die meine Sinne blockieren, so daß ich letztlich nur noch in mir selber herumwühle und trotz geöffneter Augen die Strukturen meiner Umwelt nicht mehr wahrnehme. Hier, in naturnaher Umgebung, kommen Eindrücke von außen auf mich zu, die mich freuen, die sanft in meine Seele gleiten und Lebenskraft spenden. Ein kleine Kröte mitten auf dem Weg, ein Vogel im Gebüsch, zwei Amseln, die sich streiten; ah, sieh da, sogar hier wird gezankt. Und wenn auch noch Kirschen in den Baumkronen hängen oder Beeren am Strauch, das vermittelt Ursprünglichkeit, die Illusion von Leben. Allmählich finde ich meinen inneren Frieden, habe Zeit, ohne Langeweile, ohne Einsamkeit, obwohl ich doch gerade jetzt allein bin. Eine Ahnung steigt aus mir empor - Einsamkeit ist ein Synonym, ein unklarer Ausdruck, der im Grunde genommen Sinnlosigkeit heißt, Verlust, das zu entfalten, was als Lebenssinn in meiner Seele ruht.

Es ist angenehm, hier im Freien. Die Sonne blitzt hier und da durch die mächtigen Baumkronen und ein linder Wind säuselt durch die Blätter, die in ihrem wunderschönen sommerlichen Grün aufleuchten, das in verschiedenen Schattierungen erstrahlt. Ein paar flauschig weiße Schäfchenwölkchen triften gemütlich über den hellblauen Himmel, der sich unendlich weit über die Erde wölbt, für mich unerreichbar und dennoch real.
"Krk, krk", knarrt eine uralte Eiche hinter mir, die ihre Äste weit ausstreckt und sich gehörig Platz zum Wachsen verschafft hat. Sie räuspert sich - nein, einen Mund hat sie keinen, und dennoch spricht sie zu mir: "Schau, du Mensch, wie standhaft ich hier schon seit ein paar hundert Jahren stehe und meine Äste von mir strecke. Ich bin weit hinauf- und breit hinausgewachsen, damit meine Blätter sich im Licht der Sonne entfalten und wohl fühlen können. Sie atmen Unmengen an Luft ein und geben sie lebensspendend an Tier und Mensch zurück. Obwohl mir die Zweihänder nicht günstig gesonnen sind und mir mein Wasser, meine Erde und meinen Odem zunehmend streitig machen und vergiften, recke ich mich kräftig und trotze den Erschwernissen". "Aber ich bin doch auch standhaft gewesen", erwidere ich ihr, "schau mal, wie sehr ich mich darum bemüht habe, meinen Alltag zu bewältigen, die mir gestellten Aufgaben zur Zufriedenheit meiner Mitmenschen zu erfüllen, aufrecht zu gehen und moralische Werte hoch zu halten. Ich wollte geradlinig sein, verläßlich, treu und aufrichtig". "Ja, das meinst du ehrlich", brummt die knorrige Eiche mir entgegen, "aber du hast das alles nur mit dem Mut der Verzweiflung getan". Wie soll ich das verstehen, überdenke ich diese Äußerung. Die Eindrücke vom Mittagstisch kommen mir in den Sinn. Die Wirtshausgäste haben ihre Vorstellungen von Standhaftigkeit, vom Durchhalten und Durchstehen von Lebensprüfungen angesprochen, aber die seelische Grundlage, aus der ihre Standhaftigkeit die Nahrung bezieht, haben sie nicht genannt. Warum soll ich aufrecht im Leben stehen und mutig, entschlossen und sicher meinen Weg gehen? Warum wollen diese Menschen so sein, wie sie sich mir vordergründig gezeigt haben? Wohin führt ihr Weg? Mut der Verzweiflung also? "Aber, du alter Baum, was läßt diese Menschen verzweifeln? frage ich den rauhborkigen, skurrilen Himmelsriesen. "Schau in die Ferne dieser Landschaft, in die Weite des Alls, sie vermitteln dir durch ihre Unermeßlichkeit, durch die Unendlichkeit eine Relation deiner bescheidenen Größe. Selbst ich bin darin nur ein kleiner zarter, zerbrechlicher Halm, ein kleiner Funken im Lauf der Zeit. Du spürst deine Endlichkeit und suchst darum deinen Sinn. Und der liegt in uns, ob tot als Gestein oder lebendig als Kreatur. Doch ihr Menschen erkennt die Bedeutung des Sein nicht mehr. Darum bemüht ihr euch verzweifelt um Unsterblichkeit, um eigene Ewigkeit.
Schau diesen mächtigen Greif, dort oben am Himmel, wie majestätisch gleitet er dahin. Denkt er nach über den Sinn? Er lebt sein Leben, seine Rasse hat nicht vom Baum der Erkenntnis gespeist, doch auch er spürt den Tod. Wenn es mit ihm zuende geht, verkriecht er sich und stirbt.
Wie schnell er fliegt. Nur motorisiert vermag es der Mensch ihm gleich tun. Doch seit Homo dies kann, hat er weniger Zeit, als je zuvor. Ist das der Sinn? Dieses Tal ist so groß und eigentlich kann man nichts dafür kaufen. Doch ihr habt es geschafft, Tiere, Pflanzen und Land zu Geld zu machen, um euch damit künstlich geschaffene Waren zu kaufen, in der Hoffnung, den Gedanken an den eignen Tod zu überlisten oder doch wenigstens die empfundene Sinnlosigkeit zurückzudrängen. Dadurch habt ihr das Leben selbst verlernt, seine Bedeutung, sein eigentliches Ziel aus den Augen verloren. Für einen flüchtigen Moment der Zerstreuung vernichtet ihr nun nicht nur euch selbst, sondern die ganze Erde. Ja, Meister Hora, der Tod läßt sich nicht narren. Schau einmal zurück in dein kurzes Leben", ermuntert mich die Eiche in ihrer Lebensweisheit, "erinnere dich an das, was du so beharrlich verdrängst".

Ja, in allen Lebensbereichen, die von den tradierten Vorstellungen und Wertbegriffen der sozialen Lebenswelt der Menschen geprägt sind, in deren Umfeld ich aufgewachsen bin, habe ich ebensolche Lebensauffaßungen entwickelt, wie meine Tischnachbarn am Mittagessenstisch. Beeinflußt von diesem weit verbreiteten Weltbild bin ich einem Weg gefolgt, den ich als junger Mensch eingeschlagen habe. Zwar bin ich zu ihm, wie die Jungfrau zu ihrem Kind gekommen, aber ich erachtete schließlich die gewählte Spur für den richtigen Pfad, die Straße ins Glück. Danach bin ich immer stur geradeaus auf mein vermeintlich selbstgewähltes Ziel zugelaufen und habe mich durch die Beharrlichkeit in der Richtigkeit meiner Vorstellung vom aufrichtigen Menschen bestätigt gefühlt. Die errungene Akzeptanz meiner gesellschaftlichen Umwelt erschien mir als Sicherheit - ein Tauschgeschäft also, meine Beharrlichkeit, meine Berechenbarkeit, meine Verläßlichkeit für andere als Tauschpfand für Hilfe in der Zeit der eigenen Not. Doch alles kam ganz anders. Meine familiäre Treue diente meiner Familie und zehrte mich aus. Das so sichere soziale Gefüge brach, ich habe es aufgekündigt, sonst wäre ich zugrunde gegangen. Eine Fügung des Schicksals öffnete mich einem Menschen, den ich über alles lieben lernte, dem ich lange seelisch verfallen war. Ihm wollte ich Beharrlichkeit und Treue schenken, bot Verantwortung als aufrichtiges Gefühl - oder vielleicht doch nur als Unterpfand für jenes Tauschgeschäft, bei dem wir unsere Seelen verkaufen, der Handel, mit dem sich viele belügen, den wir Familie nennen? Der Schritt zur Liebe versank in einer so totalen und heftigen zwischenmenschlichen Katastrophe, daß ich ihn nicht verwinden konnte; mein Herz blutet noch immer.

Die Standhaftigkeit im beruflichen Leben schuf keine Insel, die meine wunde Seele hätte heilen lassen, nein, die Arbeit fraß meine letzte Lebenskraft, denn sie forderte, gab aber nicht zurück, wessen ich zum Leben bedurft hätte. Zwar sah ich in meiner Arbeit lange Zeit Sinnerfüllung, doch heute weiß ich, daß sie nur eine Fata Morgana ist. Geld läßt nicht schweben, gibt keine seelische Wärme, kein reales >ich liebe dich< . Meine schöpferischen Kräfte wurden sinnlos zerschlissen, ausgebeutet im Reigen um das goldene Kalb, für die Kreislaufpumpen des Mammons, dem zuliebe ich meine natürliche Individualität zugunsten der gesellschaftlichen Uniformität geopfert habe. Konkurrenz ist alles. Poesie, Kreativität, schöpferische Kraft als Energielieferant wirtschaftlicher Expansion, und das Leben bleibt dabei auf der Strecke.

Mit hohem Fieber lag ich zuletzt tagelang alleine, keiner kam, niemand der mein Elend bemerkt hätte, schon gar nicht die Menschen, die mir viel bedeutet haben. Als schließlich tatsächlich Hilfe kam, mußte wiederum ich erneut meine erschöpften Kräfte mobilisieren, um diesen Menschen Verständnis für deren eigene Problematik zukommen zu lassen. Von diesem Ausbluten meiner Gesundheit habe ich mich nicht mehr erholt. Ein halbes Jahr später ist mein bis dahin so standhafter, von mir wenig beachteter Körper einfach völlig zusammengebrochen, hat mir den Dienst weitgehend quittiert. Mit Mühe schlich ich nun auf neuen, mir bis dahin gänzlich unbekannten Bahnen, mühsam, Schritt für Schritt.
Nein, mein Körper ist nicht mehr der alte geworden, ist seitdem nicht mehr willkürlich verfügbar, legte mir Leiden auf, deren Qualen mir unerträglich scheinen. Was zählt jetzt noch berufliche Standhaftigkeit, mein Streben nach gesellschaftlich kollektiv avisierten Zielen, das Streben nach materiellen Werten, vielleicht sogar nach Macht. Was nicht in Schulbüchern steht und in den Medien nur in verfälschter, irreführender Weise wiedergegeben wird, was mir niemand jemals zuvor offenbart hat, lernte ich nun, nämlich zu erkennen, daß ich noch leben möchte, aber nicht mehr so, wie zuvor, daß mein Leben einen tiefen immateriellen seelischen Wert sucht, der in einer inneren Entfaltung meines eigenen Ichs liegt, denn sonst ist Sterben wahrhaft ein grausamer Akt. Wer bin ich, warum bin ich so, was ist meine Bestimmung? Früher habe ich solche Ambitionen irrtümlicherweise als egoistisch verworfen, doch heute bin ich infolge meiner jüngsten Erfahrungen, ein anderer geworden, genauer gesagt, ich befinde mich auf dem Weg dahin.

Es ist bereits später Nachmittag, die Sonne steht mit gleißendem Licht über dem Horizont im Westen. Still in mich versunken sinniere ich über meine jüngsten Eindrücke, da zerreißt ohrenbetäubendes Motorgeheul plötzlich die Stille des Waldes. Mit einem Sprung ins Unterholz rette ich mich. Es ist nicht zu fassen, hier mitten im Wald, auf diesem schmalen Waldweg rauschen zwei Offroadfanatiker mit ihren beiden Geländerovern in voller Fahrt rücksichtslos an mir vorbei. In wahnhafter Sucht nach Selbsterfahrung oder auch Selbstbefriedigung zeigen sie mir die von unserer industriellen Gesellschaft angebeteten Ideale. Stelle ich mich diesem Trend als Opponent entgegen? Ich suche mich, nicht als Opposition, sondern als Gegenpart zum Trend unserer sozialen Lebenswirklichkeit - nicht aus Freude an der oppositionellen Negation, sondern als Finder jener uralten Kräfte, die in mir wirken und aus denen zu schöpfen für mich existentiell geworden ist. Der Weg dorthin ist weit und zuweilen beschwerlich, ich habe gerade erst die Spur gefunden, doch er ist unumgänglich. Erst durch ihn wird kollektiv schöpferische zwischenmenschliche Humanität lebendig. Entwurzelte Kreaturen vermögen zwar prächtig Gott Baal zu huldigen, doch dabei vernichten sie die Schöpfung in ihrem Zwang nach immer mehr, mit dem die innere Leere ausgelöscht werden soll. Den von mir gesuchten Weg zu gehen, ihn beständig weiter zu schreiten, das empfinde ich als Standhaftigkeit, derer ich heute bedarf. Mich zu zerstreuen ist leicht. Innere Selbstsicherheit brauche ich, um meiner Lebensbahn auch im Widerspruch zur generalisierten Norm folgen zu können.

Auf einer Waldlichtung mäht ein etwa fünfzigjähriger Bauer mit einer Sense das Gras. Wärme durchströmt mich, anbetracht seines Tuns. "Warum mähen sie von Hand und nicht mit ihrem Traktor"? frage ich ihn. Er stellt seine Sense vor sich hin, stützt sich darauf, schaut mich mit wettergegerbtem Gesicht mit lederartiger, faltenreicher Haut aus zwei strahlend blauen, ob seines Alters glasklaren Augen schmitz lächelnd an. "Schauen sie, diese Senke ist sehr wasserreich und weich. Wenn ich hier mit dem Traktor fahre, drücke ich die Erde stark zusammen. Aber noch wichtiger ist, daß wenn ich dieses fette Gras mit dem Mäher kürze, dann zerreiße ich an der Schnittstelle die Gefäße der Halme so sehr, daß ich es in seiner Existenz stark beeinträchtige. Mit der Sense schaffe ich einen klaren Schnitt der den Halm zwar kürzt, aber weitgehend schont und so seinen Bestand erhält. Lieber arbeite ich etwas mehr und erhalte so meine vorhandenen Pflanzen, als daß ich ständig einfach neue sähe, die ich mit viel Kunstdünger aufpäppeln muß, der meinen Hasen wiederum gar nicht gut tut".
Diese Fürsorge des Landmannes zu seinen ihm anvertrauten Kreaturen berührt mich. Trotz aller Schmerzen und aller Trauer muß ich die Liebe in mir suchen und pflegen, denn Haß und Wut der Enttäuschung zernagen meinen Körper, kränken mich, um mir noch schwerere Prüfungen aufzuerlegen, an denen ich schon so viele scheitern sah. Es gibt viele Stunden, in denen ich nicht mehr weiter weiß und verzweifle. Schon ein wenig Hoffnung nimmt ihnen ihren giftigen Stachel und bewahrt mich vor unnötigem Kräfteverlust. Und wenn dann die Sonne wieder über dem Horizont aufsteigt, dann muß ich dank meiner Hoffnung nicht immer wieder ganz von unten beginnen, meinen Lebensweg zu suchen und zu finden. Dazu bedarf ich des Vertrauens in mich selbst, mein Empfinden, meine Kraft und in mein Karma, aber eben auch in die Menschen. Auf diesem Weg werde ich mich finden, mein Wesen in mir, meinen Sinn für dieses Leben. So ändert sich auch das Sterben und der Weg dahin.

Rotflimmernd aufgebläht steht die Sonne knapp über dem Horizont im Westen. Die Streuobstwiesen in der Senke liegen bereits in Dämmerlicht, das die Farben der Natur in graue und schwarze Töne taucht. Ein Rudel Hirsche tritt aus dem Wald heraus. Der Wind steht günstig, die Tiere wittern mich nicht. Aus nächster Nähe erlebe ich ihr allabendliches >Familienleben< . Sie äesen Gras, Kräuter und Früchte, heben ab und zu sichernd ihre Nasen in den Wind und scheinen sich wohl zu fühlen. Ein friedliches Zusammensein, wie es bei ungestörten Pflanzenfressern üblich ist. Da, ein Knacksen aus dem Wald, und schon suchen sie das Weite im schützenden Dickicht. Wie sagt doch das viel zitierte Buch der Bücher: Sie arbeiten nicht, sie säen nicht und essen doch. Es gibt ein Leben im Einklang mit der Natur. Um in ihr Überleben zu können, kann ich meine Hände zwar kaum in den Schoß legen, aber ich muß mich dafür nicht versklaven, um in unwürdigen Umständen unter dem Verlust meiner natürlichen Identität und Verwurzelung mein Überleben zu sichern.

Während die Meilensteine der seelischen Prüfungen meines Lebens und seiner Veränderungen während der letzten drei Jahre vor meinem inneren Auge Revue passieren, fühle ich den stechenden Schmerz in meiner Brust, den zu neutralisieren, ihn zu verdecken ich mich durch all mein Tun immer so sehr bemüht habe. Er ist ein organischer Ausdruck als Antwort auf meine Impressionen und Gedanken. Ich spüre mein blutendes Herz, aus dessen Wunden meine Kräfte schwinden. Ich habe meine Liebe einem anderen zum Tragen geschenkt und bin verletzt worden, als er mir seine Dienste aufkündigen mußte, aus welchen Gründen auch immer. Aus dem Schmerz des Verlustes verschloß ich meine Seele und suchte sie in der materiellen Welt zu befriedigen, so wie es diese Gesellschaft allerorts zu ermöglichen verspricht. Doch es gibt keinen Ersatz für Liebe, jeder Versuch dies zu ignorieren führt zu weiteren Enttäuschungen, noch mehr Schmerzen und zuletzt zum Verlust der Fähigkeit sich dem Gefühl zu öffnen. So stirbt das Herz langsam aber sicher unter unsäglichen Qualen in seinem dicken Panzer und mit ihm die Humanität. "Liebe hege ich im Wesenskern", dies kann doch wohl nicht nur in Abhängigkeit mit dem Wohlwollen eines geliebten Menschen geschehen? Wo die Liebe verletzt wird, wo der Schmerz der Enttäuschung sich breit macht, da kann auch kein Vertrauen mehr gedeihen, überhaupt, Vertrauen worauf, in was oder wen? Und ist das Vertrauen erst mal dahin, gibt es keine Hoffnung mehr, denn "verloren ist (dann) all mein Sinn".

"Diese Fünf stellen mich ins Dasein", sie bilden einen Fünfstern, und der hat keinen Anfang und kein Ende, jede seiner Linien steht in Abhängigkeit zu den anderen. Also suche ich einen Weg zu einer Liebe die nicht bedingt ist, die sich nicht an Menschen heftet, die sich nicht in der Materie erfüllt. Den Weg dahin habe ich noch nicht gefunden, aber ich glaube und hoffe, dass es ihn gibt.

Schwaches Dämmerlicht umgibt mich, die Sonne ist längst versunken. Fremde, vom Leben in der Stadt her ungewohnte und unbekannte Geräusche höre ich um mich herum im Wald. Unmittelbar neben mir im Unterholz knackst es, danach ein seltsames Geräusch, wie das Atmen eines Tieres - oder etwa eines Menschen? Mein Herz rutscht in meine Hosentasche, es schlägt mir bis zum Hals. Habe ich Angst? Vor wem? Gibt es bei uns gefährliche Tiere? Sind Menschen nicht viel bedrohlicher?
Die vermeintliche Gefahr versetzt mich in Schrecken. Aber mit diesem Gefühl kann ich mich unmittelbar auseinandersetzen, kann dafür eine Lösung finden. Wird mir dies auch im Umfeld einer Gesellschaft gelingen, die so anders geworden ist, als ich es bin?

 
Peter Bechen

 

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Fünfstern

Standhaft stelle ich mich ins Dasein,
sicher schreite ich die Lebensbahn.
Liebe hege ich im Wesenskern,
Hoffnung präge ich in all mein Tun.
Vertrauen lege ich in mein Denken.
Diese fünf stellen mich ins Dasein,
diese fünf führen mich ans Lebensziel.

Rudolf Steiner

Wenn nichts mehr geht

In den jungen Jahren unseres Erdendaseins, also etwa bis Mitte Dreißig, haben wir das ewige Leben gepachtet. Kein Gedanke an Schwäche, Krankheit, Siechtum und Vergänglichkeit, außer wir gehören zu den geprüften Menschen, denen es schon von Anbeginn des Lebens an aufgegeben ist, nach dem tieferen Sinn unserer körperlichen und geistigen Existenz zu grübeln.

Doch eines Tages, aus heiterem Himmel, kommt für viele die Stunde der Wahrheit, die Erkenntnis über die Zerbrechlichkeit der Gesundheit und des Seins, die engen Grenzen der scheinbar allmächtigen Medizin, die Weitmaschigkeit unseres sogenannten ,,Sozialen Netzes" und das Gefühl der gnadenlosen Hilflosigkeit und des Ausgeliefertseins und -werdens.

Naturgesetze sind hart, nur das einfühlsame Miteinander der Menschen vermag dieses Schicksal zu mildern, doch leider ignorieren wir starke Menschen dies zunehmend, so daß ,Gesunde' den unheilbar Leidenden sogar ihr karges, wahrlich teuer bezahltes Brot neiden.

Wie es weiter gehen kann, wenn nichts mehr geht, klingt in meinem kurzen Besinnungsaufsatz an.

Texte von Peter Bechen