Kurzfassung von

Jenseits von Gier und Knappheit
von

Bernard Lietaer

(Aus der KS-Zeitschrift » YES« Nr.2, Frühling 1997)
übersetzt von Erika Riemer-Noltenius (siehe Internet)

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Bernard Lietaer war

  • Professor für Internationales Finanzwesen in Leuven (in Belgien=seiner ursprünglichen Heimat)
  • 12 Jahre Berater für mehrere südamerikanische Regierungen und europäische Institutionen sowie für multinationale Konzerne auf vier Kontinenten
  • Präsident des elektronischen Zahlungssystems in Belgien
  • fünf Jahre beschäftigt mit dem Entwurf und der Durchsetzung der europäischen Währung (EURO)
  • Präsident des Elektronischen Zahlungssystems der belgischen Zentralbank
  • Generalbevollmächtigter und Währungshändler eines der größten und erfolgreichsten Investmentfonds (Von 1987 bis 1991 u.a. Geschäftsführer und Währungshändler des
    erfolgreichen Hedge Fonds
    )
  • hat Entwicklungsländern geholfen, ihre Devisenguthaben zu vergrößern.
  • entwickelte für multinationale Firmen Modelle für ein globales Währungsmanagement.
  • ist zur Zeit Gastprofessor für »Sustainable Resources« an der Berkeley - Universität in Kalifornien und unterrichtet derzeit an der Sonoma State University archetypische Psychologie und am Institute for Sustainable Resources and Agriculture der Universität Berkeley nachhaltiges Wirtschaften.
  • beschäftigt sich im Internet mit Komplementärwährungen und der Funktion von verschiedenen Geldsystemen.
  • beschreibt in "Internet Currencies for Virtual Communities" die Prinzipien eines effizienten elektronischen Zahlungssystems, das sich an die Erfordernisse des
    Cyberspace anpasst.

Sie können online mit ihm über diese Thematas kommunizieren unter:

<http:/www transaction.net/money/>,

ein unabhängiges Netzwerk zum Austausch von Informationen und Wissen mit dem Ziel, zukunftsträchtige Modelle und Praktiken für das Informationszeitalter zu entwickeln.

Die folgenden grundsätzlichen Aussagen sind dem Interview mit Bernhard Lietaer entnommen, das unter dem Titel: Jenseits von Gier und Knappheit, in der KS-Zeitschrift »YES« Nr.2, im Frühling 1997 erschienen und von Erika Riemer-Noltenius übersetzt worden ist:

[...] Wir haben vergessen, daß wir das Geld erfunden haben und jetzt führt es uns im Kreis herum. Ich denke, daß es an der Zeit ist, darüber nachzudenken, wo wir eigentlich hin wollen - nach meiner Ansicht in Richtung auf mehr Gemeinschaft und mehr Nachhaltigkeit (substainability) - und dann das Geldsystem zu entwickeln, das uns dorthin führt.

[...] Während in Wirtschaftsfachbüchern behauptet wird, daß Menschen und Firmen für mehr Weitmarktanteile und Rohstoffe im Wettbewerb stehen, behaupte ich, daß sie in Wirklichkeit für höhere Profite kämpfen und Weltmarktanteile und Rohstoffe nur dafür benützen. Deshalb bedeutet die Entwicklung einer neuen Währungsordnung eine Neudefinition des Wirtschaftszieles.

[...] Ich bin zu der Überzeugung gekommen, daß Gier und die Angst vor Knappheit durch das jetzt praktizierte Geldsystem ständig erzeugt und vergrößert werden.

[...] ... wir [sind ] in der Lage, mehr als genug Nahrungsmittel für alle Menschen zu produzieren, [...] aber was wirklich knapp ist, ist das Geld, um dies alles zu bezahlen. [...]. Tatsächlich ist es dieAufgabe der Zentralbanken, diese Geldknappheit zu produzieren und aufrecht zu erhalten. Die Folge ist, daß wir alle gegeneinander kämpfen müssen, um zu überleben.

[...] Deshalb sind auch die Entscheidungen der Zentralbanken [...] so wichtig, denn höhere Zinsen bedeuten automatisch einen größeren Anteil an Firmenpleiten. Wenn also die Banken Ihre »Kreditwürdigkeit« überprüfen, prüfen sie in Wirklichkeit, ob Sie in der Lage sind, gegen andere Menschen zu kämpfen und den Wettbewerb zu gewinnen .... .

[...] Die lnformationstechnologie ermöglicht [...] höhere Wachstumsraten zu erzielen, ohne die Zahl der Beschäftigten zu vergrößern. Ich glaube, [...] daß Arbeitsplätze, auch in wirtschaftlich guten Zeiten, kaum noch vorhanden sein werden. [...] daß innerhalb der nächsten 30 Jahre 2-3 Prozent der Weltbevölkerung in der Lage sein wird, alles zu produzieren, was wir auf diesem Planeten zum Leben brauchen. [...] Meine Prognose ist, daß lokale Währungen wichtige Instrumente sein werden, um die Gesellschaft im 21. Jahrhundert neu zu entwickeln. [...] Die nationalen, wettbewerbserzeugenden Währungen werden noch lange eine Rolle auf dem globalen Wettbewerbsmarkt spielen. Trotzdem glaube ich, daß ergänzende lokale Währungen viel besser geeignet sind, lokale kooperative Wirtschaften zu entwickeln.

[...] Zum Beispiel gibt es jetzt in Frankreich etwa 300 Tauschringe, die »Grain de Sel« (Salzkorn) genannt werden [...] die zu genau der Zeit gegründet wurden, als die Arbeitslosenquote 12% erreichte, [.... sie] erleichtern den Austausch von allem möglichen, von der Miete bis zu organischen Produkten. Aber sie schaffen noch etwas mehr: Alle 14 Tage gibt es in Ariège, in Südwestfrankreich, eine große Party. Menschen kommen [...] auch [.] um Stunden auszuhandeln für Klempnerarbeiten, Haarschnitte, Segel- oder Englischunterricht, die ausschließlich in lokaler Währung zu bezahlen sind.

[...] ich mache einen Unterschied zwischen Arbeit und Job. Ein Job ist, was man braucht, um zu überleben; Arbeit ist, was Freude macht.

[...] Das Gute bei diesen lokalen Währungen, [...] ist, daß es überflüssig wird, einen Knappheitsfaktor einzubauen. Und sie brauchen kein Geld von irgendwo her, um mit dem Nachbarn Tauschhandel zu treiben.

[... . Der] Archetyp der großen Mutter war in der Westlichen Welt von sehr großer Bedeutung, [...] Doch dieser Archetyp wurde im Westen in den letzten 5000 Jahren gewaltsam unterdrückt, beginnend mit den lndo-Europäischen Invasionen, verstärkt durch die Anti-Göttin-Haltung des Juden-und Christentums, [...].

Wenn es die Unterdrückung eines Archetyps in diesen Ausmaßen und über einen so langen Zeitraum gibt, dann sind die sich manifestierenden Schatten in der Gesellschaft gewaltig. Nach 5000 Jahren betrachten die Menschen die Schattenverhaltensweisen als »normal«. [...] diese Schatten [sind] Gier und Angst vor Knappheit [...] diese Prinzipien [liegen] allen »zivilisierten« Gesellschaften zugrunde[...] . Smith, wie Sie wissen, begründete die moderne Wirtschaftswissenschaft, die definiert werden kann als der Weg, sich die knappen Güter mit den Mechanismen der individuellen und persönlichen Gier anzueignen.

[...] Jemand, der den Archetyp der Großen Mutter darstellt, vertraut auf die Fülle des Universums. Nur wenn jemand kein Vertrauen hat, benötigt er ein dickes Bankkonto. Der erste Mensch, der damit begonnen hat, eine Menge Güter anzuhäufeln, als Schutz gegen die Unwägbarkeiten der Zukunft, mußte damit automatisch anfangen, seinen Besitz gegen den Neid und die Bedürfnisse anderer Menschen zu verteidigen. Wenn eine Gesellschaft Angst vor Knappheit hat, wird sie eine Atmosphäre schaffen, in der die Ängste wohlbegründet sind. Es handelt sich hier um eine sich selbst erfüllende Prophezeihung.

[...] Zum Beispiel gibt es nichts, was uns daran hindert, Informationen frei zu verbreiten. Die Grenzwerte der Informationskosten sind praktisch gleich Null. Trotzdem werden Copyrights erfunden und Patente, mit der Absicht, die Knappheit aufrecht zu erhalten.

[Interviewerin Sarah: ... ] im Gegensatz dazu die Kulturen, die die Große Mutter verehren und die auf Fülle und Freigiebigkeit basieren [...].

[...] Deshalb definiere ich meine Gemeinschaft als eine Gruppe von Menschen, die meine Geschenke annimmt und respektiert und von der ich vernünftigerweise erwarten kann, Gegengeschenke zu erhalten.

[...] Bernard: Es gibt eine Menge Leute, die gern gärtnern, aber die davon in einer wettbewerbsorientierten Wirtschaft nicht leben können. Wenn ein Gärtner arbeitslos ist, und ich auch, dann würden wir beide in der normalen Wirtschaft verhungern. Mit der ergänzenden, lokalen Währung jedoch kann er meinen Salat anpflanzen, den ich mit lokaler Währung bezahle. Ich habe diese lokale Währung erworben, weil ich einem Dritten Dienste geleistet habe.

[...] Zunächst einmal hat die heutige Geldordnung so gut wie nichts mehr mit der realen Wirtschaft zu tun. [...]
1995 weisen die Statistiken aus, daß der Tagesumsatz der ausgetauschten Währungen weltweit die Summe von 1,3 Billionen (1300 Mrd.) US-Dollar beträgt.
Dies ist 30 Mal mehr als das tägliche Bruttosozialprodukt aller entwickelten Länder der Welt zusammen.
Das jährliche Bruttosozialprodukt der USA wird auf den Finanzmärkten in 3 Tagen erreicht.
Von diesem Finanzvolumen werden nur 2-3% für die reale Wirtschaft (Handel, Investitionen usw.) benötigt. Der Rest wird verwendet im Spekulationsgeschäft des globalen Cyber Casinos. Das bedeutet, daß die reale Wirtschaft degradiert wurde zu einer reinen Dekoration auf dem Spekulationskuchen, eine genaue Umkehrung dessen, was noch vor 2 Jahrzehnten galt.

[...] die Macht hat sich unwiderruflich von den Regierungen zu den Finanzmärkten verlagert. Wenn eine Regierung etwas beschließt, was den Finanzmärkten nicht gefällt, wie die Briten 1991, die Franzosen 1994 oder die Mexikaner 1995, dann setzt sich niemand an einen Tisch und sagt »das sollten Sie aber nicht tun«. Es passiert einfach eine Finanzkrise in der betreffenden Währung. Ein paar hundert Menschen, die weder gewählt wurden noch irgendeine kollektive Verantwortung tragen, entscheiden u.a. wieviel Ihr Pensionsfond wert ist.

[...] George Soros [...] meint: »Die Instabilität nimmt so sehr zu, daß ein eventueller Zusammenbruch des freien Devisenaustausches praktisch unvermeidbar ist«.

Jose Kurtzmann, der frühere Herausgeber der »Harvard Business Review«, benennt sein letztes Buch »Der Tod des Geldes« und prophezeit einen unmittelbar bevorstehenden Kollaps aufgrund der exzessiven Spekulationen. [...]

Hier aber handelt es sich um etwas, was viel weitreichender ist. Das einzige historische Vorbild, das mir bekannt ist, ist der Zusammenbruch des römischen Reiches, das auch die römische Währung beendete. Das war natürlich zu einer Zeit, als es noch 150 Jahre dauerte, bis das ganze römische Reich untergegangen war. Heute würde es nur wenige Stunden dauern.

[...] Das bedeutet, daß es bei dem jetzigen Geldsystem Sinn macht, Bäume zu fällen und das Geld auf die Bank zu bringen. Das Geld in der Bank »wächst« schneller als die Bäume. Es macht Sinn, schlecht isolierte Häuser zu bauen, weil die Abschlagskosten des zusätzlichen Energieverbrauchs niedriger sind als die bessere Isolierung beim Hausbau. Man »spart« also Geld.

Wir können aber auch ein Geldsystem einführen, durch das das Gegenteil passieren würde. Es würde ein langfristigeres Denken und Handeln bewirken durch etwas, was ich als »Vorhaltekosten« oder »Nutzungsgebühr« bezeichnen möchte.

[...] »Geld ist wie Dünger, es ist nur gut, wenn es verteilt wird.« In dem System von Silvio Gesell würden Menschen Geld nur als Tauschmittel verwenden, aber nicht zur Anhäufung von Reichtümern. Dadurch würde Arbeit entstehen, weil es den Geldumlauf beschleunigen würde, und es würde den Anreiz für kurzfristige Investitionen umkehren. Anstatt Bäume zu fällen und das Geld in die Bank zu bringen, würden Sie Ihr Geld lieber in Baumpflanzungen stecken und eine gute Isolierung in Ihr Haus einbauen lassen.

[...] Im alten Ägypten bekam jemand, der Getreide lagerte, einen Gutschein, der eingetauscht werden konnte und damit eine Art Währung bildete. Wenn Sie nach einem Jahr mit 10 Gutscheinen zurückkehrten, bekamen Sie nur Getreide im Wert von 9 Gutscheinen, weil Ratten und Plünderung den Vorrat verringerten und weil die Wächter des Getreides bezahlt werden mußten. Dies wirkte wie eine Art Liegegeld. Ägypten war damals der Brotkorb der antiken Welt, ein Geschenk des Nils. Warum? Weil, anstelle der Aufbewahrung des Reichtums in Form von Geld, jedermann in produktive Anlagen investierte, die ihren Wert nicht verloren, - so wurden z.B. Leistungen wie Landverbesserung im großen Stil durchgeführt oder Bewässerrungssysteme gebaut.

Der Beweis, daß dieses Geldsystem etwas mit dem Wohlstand zu tun hatte, liegt darin, daß alles sofort beendet war, als die Römer diese Getreidewährung mit ihrer eigenen römischen Geldwährung, bei der es positive Zinssätze gab, ersetzten. Ägypten hörte bald auf, die Kornkammer der Welt zu sein und wurde zu einem Entwicklungsland, wie wir es heute nennen.

[...] Neueste Forschungen haben ergeben, daß die Lebensqualität für Arbeiter in Europa im 12. und 13. Jahrhundert am höchsten war, wahrscheinlich sogar höher als heute. Wenn man keine Ersparnisse in Form von Geld bilden kann, investiert man es in etwas, das Werte in der Zukunft bildet. Also diese Geldform produzierte den unglaublichen Wohlstand.

[...] Die größten Probleme, die die Menschheit heute zu lösen hat, sind die Ungleichheit und der Zusammenbruch von sozialen Gemeinschaften, die Spannungen schaffen, die sich zunehmend in Gewalt und Krieg entladen. Wir können beide Probleme (Ungleichheit und den Zusammenbruch von sozialen Gemeinschaften) durch dasselbe Mittel lösen, in dem wir bewußt Währungen schaffen, die Gemeinschaft und Nachhaltigkeit fördern.

[...] Sie erlaubt, uns bewußt ein Geldsystem zu schaffen, welches für uns arbeitet, anstatt daß wir für das Geldsystem arbeiten. Ich schlage vor, wir entscheiden uns, ein Geldsystem zu entwickeln, das es uns ermöglicht, Nachhaltigkeit zu erreichen und die Heilung von Gemeinschaften auf lokaler und globaler Ebene zu fördern. Diese Ziele sind im Zeitraum von weniger als einer Generation zu erreichen. Ob wir sie tatsächlich erleben, wird davon abhängen, inwieweit wir fähig sind, miteinander zu kooperieren, um unser Geldsystem bewußt neu zu erfinden.

Literatur:
Silvio Gesell, Die natürliche Wirtschaftsordnung
Margrit Kennedy, Geld ohne Zinsen und Inflation
<
Creutz Helmut>, Das Geldsyndrom Wachstum bis zur Krise
Hermann Benles, Wer hat Angst vor Silvio Gesell?

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