Wachstum
bis zum Kollaps.
Über das faustische Prinzip in unserer Wirtschaft
aus
Prof. Binswanger,
Hans Christoph:
Geld und Magie - Deutung und Kritik der modernen Wirtschaft
anhand von Goethes Faust,
Stuttgart 1985
- Vollversion -
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Die Entwicklung, vor allem
das Wachstum unserer Wirtschaft, die seit der industriellen Revolution die übrigen
Lebensbereiche ungebremst in ihren Sog gezogen hat, wird zusehends zum wichtigsten
Anliegen der Menschheit. Die ökologischen Risiken werden in dem Ausmaß größer, in dem
sich die Wirtschaft zu einer von der Produktion weitgehend unabhängigen Geldwirtschaft
entwickelt, in der laufend aus Geld neues Geld entsteht. Mit der schicksalhaften
Verbundenheit der Menschheit mit der Wirtschaft hat sich Goethe in seinem ,Faust'
auseinandergesetzt.
Im zweiten Teil des Werkes erscheint Faust
als der neue Mensch, der seine Vollendung nicht auf geistiger Ebene sucht,
sondern im technischen Fortschritt. In starken Bildern schildert Goethe die Entwicklung
des Menschen zum Technokraten, der lieber seine Seele dem Teufel verspielt, als von seinen
Zielen abzuweichen. Der Autor des Buches Geld und Magie, Prof. Hans Christoph
Binswanger, hat den nachfolgenden Artikel verfaßt.
Goethe war als Minister am Weimarer Hof
speziell mit wirtschaftlichen Fragen betraut. Er wußte also, worum es ging, wenn er von
Wirtschaft sprach, zumal er sich auch sein Leben lang intensiv mit der ökonomischen
Literatur beschäftigt hat. Goethe erkannte deutlich, daß das Schicksal der Menschheit
vor allem durch die Entfaltung der Wirtschaft bestimmt werden würde. Er konnte diesen
faustischen Weg der heutigen Menschheit deswegen so genau herausarbeiten, weil
er die historischen Entwicklungen kannte und verstand, die zu diesem Weg führten.
Der Teufelspakt
Die Faust-Fabel handelt von einem Pakt. In
der Volkssage hieß es: Mephistopheles, der Teufel, soll Faust im diesseitigen Leben
dienen, während umgekehrt Faust im jenseitigen Leben dem Teufel untertan sein wird. Im
Unterschied zur Volkssage ist in der Version Goethes die Gegenleistung Fausts an eine
Wette gebunden. Faust ist dann, und nur dann, zur Gegenleistung verpflichtet, wenn ihm
Mephistopheles einen vollkommenen Genuß verschaffen kann, einen ,höchsten Augenblick'
den er für immer festhalten möchte. Hinter der Wette zwischen Faust und Mephistopheles
steht die im Prolog im Himmel abgeschlossene Wette zwischen Gott und Teufel,
in der es darum geht, ob dieser Faust vom rechten Weg abbringen kann, solange er auf
der Erde lebt. Das Pfand dieser Wette ist die Seele Fausts.
Der erste Teil des Faust-Dramas - die
Gretchen-Tragödie - handelt vom Versuch Mephistopheles, den Genuß der Liebe zum
Kulminationspunkt von Fausts Streben zu machen. Aber der Versuch mißlingt. Er endet mit
der Hinrichtung Gretchens und der Flucht Fausts. Darauf wechselt Mephistopheles seinen
Plan. Er will Faust durch den wirtschaftlichen Erfolg zum höchsten Augenblick führen.
Dieser Versuch, der im zweiten Teil des Dramas zur Darstellung kommt, gelingt.
Der faustische Plan
Wie gelangen Mephistopheles und Faust an
das hochgesteckte Ziel? Faust tritt, unterstützt von Mephistopheles, zuerst als Berater
des Kaisers in Finanzangelegenheiten auf. Er zeigt ihm, wie er mittels Notenpresse seiner
Schulden ledig werden kann. Als Faust von seinem Ausflug nach Griechenland zurückkehrt,
den er auf der Suche nach Helena unternommen hat, erblickt er einen Küstenstreifen, den
er eindämmen und in fruchtbaren Boden verwandeln möchte. Er entdeckt in der Vision das
Neuland der Wirtschaft, das er selbst schaffen, selbst gestalten will durch Bändigung der
Naturelemente - der höchste Augenblick im Triumph der Technik über die Natur.
Als Faust und Mephistopheles dem Kaiser
nochmals zu Hilfe kommen und unter Mitwirkung der drei wilden Gesellen
Raufebold, Habebald und Haltefest einen Aufstand gegen ihn niederschlagen, bedankt sich
der Kaiser für die Unterstützung, indem er den erwähnten Küstenstreifen Faust zu
Eigentum überläßt. Durch einen Großeinsatz von Arbeitskräften und Energie gelingt es
Faust, dieses Neuland zu entwässern und fruchtbar zu machen und so die Natur mit Hilfe
der Errungenschaften der Technik zu besiegen. Vorher muß allerdings das alte Paar
Philemon und Baucis, das aus Mißtrauen gegen diese neuen Errungenschaften den
Kolonisierungsplänen passiven Widerstand entgegensetzt und ihren altangestammten Besitz
auf den Dünen am ehemaligen Küstenrand nicht aufgeben will, weichen; sie kommen bei der
zwangsweisen Umsiedlung ums Leben. Kurz vor der Fertigstellung des großen Werks erblindet
Faust, aber die bloße Vision des Gelingens reißt ihn zum Geständnis hin, daß er am
Ziel seiner Wünsche angelangt sei. Von hier aus gibt es kein Weiterschreiten mehr. Faust
stirbt.
Die drei Elemente
des faustischen Plans
Goethe weist im Faust-Drama vor allem auf
drei Grundelemente des faustischen Plans, das heißt der modernen Wirtschaft, hin, die zu
Goethes Zeit im Ansatz erkennbar waren, seither aber ihre volle Wirksamkeit entfaltet
haben. Wir wissen um die Wirkung des technokratischen Ansatzes, kennen aber oft nicht mehr
ihren Ursprung! Goethe zeigt sie auf:
- - die Papiergeldschöpfung
- das neue Eigentumsrecht (Eigentum als dominium)
- der Einsatz der mechanischen Energie.
Indem Faust seinen Plan auf diese Elemente
baut, gelingt es ihm, sich zum Herrn der Natur aufzuschwingen und das neue Reich der
Wirtschaft zu errichten.
Die Papiergeldschöpfung
Die neue Wirtschaft beginnt mit
der Papiergeldschöpfung und der Vervielfachung des Geldes. In der Literatur über Goethes
Faust findet sich schon sehr früh der Hinweis darauf, daß John Law und sein
berühmt-berüchtigtes System anfangs des 18. Jahrhunderts Vorbild gewesen sei
für das Experiment, das Faust und Mephistopheles im ersten Akte des zweiten Teils des
Faust am Kaiserhof in Gang setzen. Es geht um die Ausgabe bedruckten Papiers als Ersatz
für die Goldmünzen. Wenn der Kanzler verkündet: Zu wissen sei es jedem, der's
begehrt: der Zettel hier ist tausend Kronen wert, dann darf man sich daher den
Schotten John Law vorstellen, der einen solchen Zettel, eine solche Banknote der von ihm
gegründeten Banque Royale vorzeigt. Er hat mit Hilfe dieser Bank 1717 dem
schwer verschuldeten französischen Staat unter dem Prinzen von Orléans geholfen, sich
seiner großen Schuldenlast zu entledigen. Die Staatsbürger erhielten anstelle der
Schuldpapiere Banknoten, mit denen sie nicht nur beliebig Güter, sondern auch Aktien der
neu gegründeten Handelskompagnie kaufen konnten, die umso mehr im Wert stiegen, je mehr
solche Banknoten ausgegeben und für den Kauf dieser Aktien verwendet wurden. Handel und
Wandel blühten auf. Die Stadt New Orleans im neuen Westen und die Stadt Lorient im alten
Osten wurden gegründet. Es entwickelte sich ein lebhafter Schiffs- und Handelsverkehr
zwischen diesen Städten, zwischen Amerika und Europa, der die Basis des neuen Reichtums
war.
Aber John Law hat dieses
Papiergeldexperiment zu stark forciert, und so kam es zur allgemeinen Inflation, vor allem
aber zu einer Inflation der Aktienkurse, die trotz steigenden absoluten Gewinnen zu einer
drastischen Senkung der Rendite führte. Die Spekulation kehrte sich um: Das Law-System
brach zusammen, die Aktien wurden verkauft.
Genau dreieinhalb Jahre hat dieses
Experiment gedauert. Dann war es zu Ende. Nicht beendet war aber der Versuch, die
Geldmenge durch Papiergeldausgabe zu steigern. Bei der Festigung auf das Law'sche System
und dessen Zusammenbruch hat man oft vergessen, daß dahinter das andere Experiment der
Notengeldschöpfung stand, nämlich dasjenige der Bank von England, die 1694 gegründet
wurde und seit 1696 Banknoten ausgegeben hatte. Dieser von der City of London getragene
Versuch hat alle Stürme, die auch die Bank von England durchmachen mußte, überstanden.
Das englische Experiment dauert nun schon 300 Jahre an und hat sich auf die ganze Welt
ausgebreitet. Es ist die Basis des heutigen Weltwährungssystems, das neben dem Papiergeld
der Notenbanken auch noch das Privatbankgeld der Geschäftsbanken und das Zentralbankgeld
des
Internationalen Währungsfonds kennt. Dank ihm konnte sich der Welthandel von seinen
bescheidenen Anfängen zu Beginn der Neuzeit zu den kaum faßbaren Dimensionen der
heutigen Weltwirtschaft entwickeln. In diesem Zusammenhang ist entscheidend, daß die Bank
von England keine staatliche Institution, sondern eine Geschäftsbank war, die dank des
Privilegs der Notengeldausgabe, welche der Staat ihr gewährte, diesem Staat Kredite
gewähren konnte (auch der englische Staat war in Geldnöten), im übrigen aber auf eigene
Rechnung arbeitete und Handels- sowie Investitionskredite gewährte (erst später wurde
dieses System durch die Gründung von Geschäftsbanken, die die Aufgabe der Handels- und
Investitionsgewährung übernahmen, erweitert).
Faust, Mephistopheles & Co. ...
Goethe hat, wie kaum je bemerkt worden ist,
die Papiergeldausgabe am Kaiserhof in einen ganz analogen Zusammenhang gestellt. Es geht
auch hier um eine Bankgründung auf privater Basis. Sie dürfte wohl Faust,
Mephistopheles & Co. geheißen haben. Als das Papiergeldexperiment geglückt
ist, verkündet der Kaiser Faust und Mephistopheles:
Das hohe Wohl verdankt
euch unser Reich;
Wo möglich sei der Lohn dem Dienste gleich.
Vertraut sei euch des Reiches innerer Boden.
Ihr seid der Schätze würdigster Kustoden.
Ihr kennt den weiten, wohlverwahrten Hort.
Und wenn man gräbt, so sei's auf euer Wort.
Das heißt, es wird eine Notenbank
gegründet werden, deren Noten zwar durch die Goldschätze, die im Boden liegen und an
sich dem Staat gehören, gesichert sind, die diese Noten aber auf eigene
Rechnung herausgibt. Das Wort ,graben' ist im übertragenen Sinne gebraucht und bedeutet
nichts anderes als alle Tätigkeiten, die zur Notenausgabe führen, also vor allem die
Gewährung von Krediten. Dabei soll der Lohn dem Dienste gleich sein, das
heißt, daß Kaiser und Bank den Gewinn teilen.
Vom Frondienst zur freien demokratischen
Gesellschaft
Wozu der Staat das Geld nötig hat, braucht
keine weitere Erläuterung: Es muß seine Schulden begleichen. Wozu brauchen es aber Faust
und Mephistopheles? Die Antwort findet sich, wenn wir die spätere Umgestaltung des
unfruchtbaren Küstenstreifens zum fruchtbaren Neuland am Schluß des Dramas betrachten.
Bezahle befiehlt Faust dem Mephistopheles. Womit bezahlt er? Sicher nicht mit
Goldmünzen. Wo sollte er sie herholen? Er bezahlt mit Papiergeld seiner eigenen Bank!
Mephistopheles soll Löhne auszahlen. Es
geht um die Arbeiter, die Faust als Knechte anspricht. Er ist der Unternehmer,
der allein befiehlt, auch dank des Geldes, über das er verfügt. Da genügt ein
Geist für tausend Hände, sagt Faust. Er spricht allerdings auch von der Menge, die
ihm frönet. Neben der Arbeit, die gegen Lohn geleistet wird, gibt es auch
noch den Frondienst. Hier wird also der Frühkapitalismus angesprochen, der schon von den
neuen Finanzquellen profitiert, in dem auch ein Teil des staatlichen Eigentums - hier: ein
Küstenstreifen - für wirtschaftliche Nutzung zur Verfügung gestellt wird, der sich aber
noch nicht ganz vom Feudalismus gelöst hat. Goethe bleibt jedoch nicht bei diesem
frühkapitalistischen Bild stehen. Faust sieht vor seinem geistigen Auge bereits das
freie Volk auf freiem Grund, die freie demokratische Gesellschaft, vielleicht
sogar mit Mitsprache- und Mitbestimmungsrechts. Die Bevölkerung wird sich vermehren. Das
Sozialprodukt wird wachsen. Die harte Arbeit, die Mühe ist nur der Beginn. Es wird alles
bequemer werden. Mensch und Herde sogleich behaglich auf der neuesten Erde- so
stellt es sich Faust vor. Die Zukunft wird glücklicher werden.
Lasst glücklich
schauen,
was ich kühn ersann.
Seitdem, seit der Faustdichtung, sind über
160 Jahre vergangen. Die Zukunft Fausts ist zur heutigen Gegenwart geworden, deren
Errungenschaften Goethe deutlich schon als Resultat der noch mit Krisen und Elend
verbundenen Anstrengungen der ersten 150 Jahre der industriellen Revolution vorausgesehen
hat.
Faust weiß nämlich, das ist für den
Erfolg des ganzen Unternehmens wichtig, daß es sich auf die Mithilfe der Natur und der
Naturkräfte verlassen kann. Die Ausbeutung der Arbeiter wird vorübergehend sein.
Philemon spricht es bei Betrachtungen des eingedeichten Meeresstreifen deutlich aus:
Kluger Herren, kühne
Knechte
Gruben Gräben, dämmten ein,
Schmälerten des Meeres Rechte,
Herrn an seiner Statt zu sein.
Beide - Herr und Knechte - sind zusammen
Herren über die Natur. Wegen dieser Herrschaft lohnt sich die Bezahlung der Knechte, und
sind schließlich auch die Knechte mit dem Lohn- und zum Teil auch mit der Fronarbeit
einverstanden. Beide versprechen sich einen Vorteil. Für diese Unterwerfung der Natur und
der Naturkräfte sind allerdings zwei weitere Voraussetzungen außer der Geldschöpfung
notwendig, die beide von Goethe im ,Faust' deutlich aufgezeigt werden.
Eigentum als Herrschaft über die Natur
Die erste Voraussetzung ist die
Institutionalisierung eines absoluten, vollständigen, dem ökonomischen Willen
untergeordneten Eigentumsrechtes. Es geht um den Eigentumsbegriff des Code
Napoléon. In Art. 544 steht darin: Das Eigentum ist das unbeschränkte Recht
zur Nutzung und Verfügung über die Dinge. (La propriété est le droit de
jour de disposer des chosos de la manière la pleine absolute.)
Der Code Napoléon wurde in der Folge das
Vorbild für alle bürgerlichen Gesetzbücher der ganzen Welt. Dieses neue Eigentumsrecht
unterscheide sich fundamental von den ursprünglichen Eigentumskonzepten, die in
irgendeiner Form auf der Idee des patrimoniums, das heißt der Pflicht zur Pflege der
Natur, aufbauen. Dieses ist abgeleitet vom Wort Pater (= Vater) und weist auf
die Vererbung hin: Das Eigentum ist etwas, was man selber ererbt hat, aber auch auf die
Kinder weiter vererben soll, das also nicht von der lebenden Generation verbraucht,
sondern nur gebraucht werden darf.
Der Ursprung des neuen Eigentumsbegriffs
ist demgegenüber der römisch-rechtliche Begriff des dominiums, das vom Wert
Dominus (= Herr) abgeleitet ist und dem jeweiligen Eigentümer den absoluten
Herrschaftsanspruch verbürgt, wie er in Art. 544 des Code Napoléon umrissen wird. Genau
diesen Herrschaftsanspruch kündigt Faust an, als er im vierten Akt ultimativ von
Mephistopheles fordert:
Herrschaft gewinn ich,
Eigentum.
Das heißt nicht Herrschaft und
Eigentum, sondern Herrschaftseigentum im Sinne von dominium,
absolutes Eigentumsrecht, das Eigentumsrecht also, das die Basis der ganzen
Wirtschaftsentwicklung des 19. und 20. Jahrhunderts geworden ist.
Energie statt Arbeit Schließlich geht es
aber auch noch um die technische Grundlage dieser Entwicklung, und in diesem Zusammenhang
besonders um die Verwendung von Energie sowohl als Ersatz als auch als Ergänzung der
Arbeit. Baucis, die aufmerksam die Entwicklung der neuen Wirtschaft beobachtet, weist
eindrücklich auf die Bedeutung der Energie bei der Gewinnung des neuen Meeresstreifens
hin:
Tags umsonst die
Knechte lärmten,
Hacke und Schaufel, Schlag um Schlag;
Wo die Flämmchen mächtig schwärmten,
Stand ein Damm am andren Tag ...
Mehrab flossen Feuergluten,
Morgens war es ein Kanal.
Dieses Bild erinnert an den Brief, den der
Herzog Karl August seinem Minister Goethe über seine Reise nach England schrieb. Darin
heißt es: Was die Mechanics betrifft, da ist England das wahre Paradies dieser
Wissenschaft. Einige Meilen von Birmingham brachte mich Herr Watt zu Steinkohlen- und zu
Eisengruben, bei welchen gleich Usinen, Hammer und Ziehereien befindlich waren. Dort
brannten zugleich die Herde von 250, sage zweihundertfünfzig Feuermaschinen, auf der
Fläche von einer Quadratstunde, welche alle einer Gewerkschaft gehörten. Und solcher
Gewerkschaften waren dorten mehrere, die aneinander grenzten, dargestellt, daß ich nicht
zuviel sage, wenn ich vermute, mehr wie tausend solcher Feuerschlünde zu gleicher Zeit
rauchen gesehen zu haben. Heute steht zwar nicht mehr die Kohleenergie im
Vordergrund, sondern das Öl und die Elektrizität. Entscheidend ist aber, daß Goethe
schon anfang des 19. Jahrhunderts gesehen hat, daß die Energie in jeder Form Leben und
Wirtschaft vollständig verändern wird.
Mit den neuen technologischen
Errungenschaften sind aber auch natürliche Risiken verbunden. Mephistopheles
droht:
Die Elemente sind mit
uns verbunden,
und auf Vernichtung läuft's hinaus.
Der Weitblick Goethes
Was Goethe im Faust-Drama
entwickelt, läßt sich erst heute ermessen. Er zeigt nicht nur die Bedeutung des auf
Vermehrung von Geldwerten ausgerichteten Unternehmertums (Faust) auf, das die
ursprüngliche Wirtschaftsweise (Philemon und Baucis) endgültig verdrängt, sondern sieht
auch, daß der wirtschaftliche Fortschritt die soziale Frage zur Folge haben wird
(Gegenüberstellung von Herr und Knecht). Vor allem aber macht er deutlich, daß dies nur
eine vorübergehende Phase der Entwicklung ist, weil der ökonomische Erfolg letztlich auf
der Inbesitznahme der Natur und ihrer Ausbeutung, das heißt der Umwandlung der Naturwerte
in Geldwerte beruht. Die soziale Frage verliert an Schärfe (freies Volk auf freiem
Grund), aber die ökologischen Risiken (die Elemente des Mephistopheles) werden ständig
zunehmen. |