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Beitragsreihe verantwortungsbewusstes Handeln
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H  E  L  M  U  T       C  R  E  U  T  Z

 

Die Ursachen unseres Wachstumszwangs

 aus <Das Geldsyndrom>, Kap. 24
ISBN 3-548-35456-4

 

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"Unsere Wirtschaft ist auf niedriges oder gar "Nullwachstum" nicht eingestellt. Wachstumsstillstand bedeutet Massenarbeitslosigkeit und damit den katastrophalen wirtschaftlichen Zusammenbruch der Bundesrepublik Deutschland."

Hans Matthöfer, ehemaliger Bundeswirtschaftsminister
"Wege aus der Wohlstandsfalle", 1980

Warum brauchen wir ständige Leistungsteigerungen?

Auf die Frage, warum wir eigentlich, trotz der zunehmenden Unverträglichkeit für Mensch und Umwelt, ein ständigs Wirtschaftswachstum brauchen, bekommt man selten weiterhelfende Antworten. Meistens hören sie sich ähnlich an wie die oben zitierte. Kaum ursachenklärender ist die Aussage von Lothar Müller, Präsident der bayerischen Landeszentralbank, aus dem Jahr 1988, hier bezogen auf die Länder der EG: "Ohne Wachstum lassen sich die sozialen und gesellschaftlichen Probleme nicht lösen, mit denen heute die Mitgliedsstaaten der EG zu kämpfen haben. Nur wenn die Wirtschaft weiter wächst, geht die Arbeitslosigkeit zurück, bleiben die Sozialsysteme leistungsfähig, lassen sich die öffentlichen Haushalte stabilisieren und ist der Strukturwandel zu meistern."

Warum das jedoch so ist, warum wir uns zur Vermeidung oder Verringerung der einen Probleme andere - nämlich umweltbezogene - auf den Hals laden müssen, geht aus allen diesen Aussagen nicht hervor. Der Sache näher bringt uns aber eine Formulierung in einer Veröffentlichung des früheren Bundesministers Volker Hauff. Hierin ist von einem "kapitalistischen Wirtschaftssystem" die Rede, das "sich ständig ausweiten" muß, wenn es "funktionieren" soll. Nicht jedes Wirtschaftssystem bedarf also eines ständigen Wachstums! Wohl aber eines, das nach den Gesetzmäßigkeiten der Kapitalrendite funktioniert. Das heißt, der Kapitalismus ist wie ein Motor konstruiert, bei dem man ständig mehr Gas geben muß, wenn er weiterlaufen soll. Das heißt aber auch: Der Kapitalismus ist ein Wirtschaftssystem, das sich auf Dauer selbst zerstört.

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Warum ist ein kapitalistisches Wirtschaftssystem zur Ausweitung gezwungen?

Erinnern wir uns an die zweite Wachstumsregel, nach der ein Organismus nur stabil bleiben kann, wenn sich alle seine Teile im Gleichschritt mit dem Ganzen entwickeln. Wächst ein Teil rascher, kommt es zu Spannungen und Komplikationen, bis hin zum Kollaps. Vermeidbar ist dieses Ende nur, wenn es gelingt, dem Überwachstum Einhalt zu gebieten. Ist das nicht möglich, bleibt als Alternative nur der Versuch, die Entwicklung des gesamten Organismus dem Überwachstum jenes Teiles anzupassen. Johannes Jenetzky, der in Baden Württemberg Steuerrecht lehrt, hat dafür den Begriff "Roß-Reiter-Dilemma" geprägt:

Wenn ein Reiter immer größer und schwerer wird, muß das Pferd mitzuwachsen versuchen, wenn es nicht zusammenbrechen will. Gibt es denn in unserer Wirtschaft einen "Reiter", der immer größer und schwerer wird und der das "Roß" zum Mitwachsen zwingt? Gibt es in unserem Wirtschaftsorganismus einen Teil, der rascher als das Ganze wächst? Möglicherweise sogar exponentiell, wie die Menge der Getreidekörner bei dem Schachbrettbeispiel?

Sehen wir uns die nachfolgende Darstellung an, dann zeigt sich, daß es tatsächlich in unserer Wirtschaft eine Größe gibt, die sich konträr zum natürlichen Wachstumsablauf - wie dem des dargestellten Baumes - entwickelt. Und zwar nicht nur mit gleichbleibenden Zuwachsraten, wie beim linearen Wachstum unseres Bruttosozialproduks, sondern mit exponentiellen Tendenzen. Die Rede ist vom Geld, richtiger: von den Geldersparnissen, die gegen Zinsen in der Wirtschaft angelegt sind.

Warum zwingt der Zins zum Wachstum?

Hat jemand einen verzinsten Kredit aufgenommen, muß er mehr zurückzahlen, als er erhalten hat. Um dieses Mehr - den Zinsbetrag - wird sein Einkommen bis zur Tilgung reduziert. Will er das vermeiden, dann muß er in Höhe dieses Zinsbetrages mehr leisten und diese Mehrleistung zusätzlich auf dem Markt absetzen. Das gilt nicht nur für die einzelnen kreditaufnehmenden Bürger, sondern genauso für jedes Unternehmen, jede Gemeinde und jeden Staat: Entweder führt der Zins zur Verarmung der Werteschaffenden, oder er zwingt zur höheren Leistung. Auf der anderen Seite wachsen durch den Zins die bereits gegebenen Geldvermögen ständig an. Zumindest in dem Maße, wie man die Zuwächse nicht laufend abhebt und verkonsumiert. Legt man die Zinszuwächse in Sachvermögen an, wird der Effekt nur vom Geldkapital ins Sachkapital verlagert. "Die starre Rentabilitätspflicht, infolge deren sich die Geldver mögen stur mechanisch immerfort vermehren, überträgt sich also auf die Wirtschaft insgesamt und erlegt ihr ein andauerndes Wachstum auf. Es ist ein unentrinnbarer Zwang", schreibt Reiner Bischoff in einem Papier des Arbeitskreises Geld und Finanzen des BUND Baden-Württemberg. Und diese Geldvermögen vermehren sich nicht nachlassend oder linear, sondern durch den Zinseszinseffekt mit zunehmender Beschleunigung. Sollen sich die sozialen Spannungen nicht vergrößern, dann muß das Wirtschaftswachstum also dem der zinstragenden Kapitalien entsprechen. Kein Wunder, daß den Politikern die Knie weich werden, wenn die Wachstumsrate unserer Volkswirtschaft unter zwei Prozent oder sogar gegen Null heruntergeht. "Solange die Wachstumsrate des nominalen Bruttosozialprodukts das Niveau des Zinssatzes . . . erreicht, bleibt die Zinslastquote unverändert . . . Dies ist der Hauptgrund, warum auch umweltbewußte Ökonomen den Standpunkt vertreten, daß wir uns . . . ein Nullwachstum gar nicht leisten können." So umschrieb der Baseler Nationalökonom Gottfried Bombach Anfang 1991 die dargelegten Zusammenhänge in der Zeitschrift des Schweiz. Bankvereins "Der Monat". Sein Zitat besagt letztlich nichts anderes, als daß wir uns ein Nullwachstum Voraussetzung einer Erholung unserer Umwelt - nur bei einem Nullzins leisten können.

 

Wie sehen die konkreten Wechselwirkungen aus?

 

 

Die Beziehung zwischen der Überentwicklung der Geldvermögen und der Wirtschaftsleistung wird in der Darstellung erkennbar. In der Grafik ist neben der bereits in Darstellung 60 wiedergegebenen Entwicklung des BSP diejenige der Geldvermögen eingetragen, ebenfalls in inflationsbereinigten, also realen Größen. Wie bereits in Teil III des Buches dargelegt, haben diese Geldvermögen wesentlich rascher zugenommen als die volkswirtschaftliche Leistung. Nun kann man zwar die Flußgröße BSP nicht ohne weiteres mit den sich ansammelnden Beständen der Geldvermögen und der Schulden vergleichen. Aber man kann und muß die Belastungen, die sich aus diesen monetären Größen für die Wirtschaft ergeben, auf das BSP beziehen. Diese Belastungen die Zinsen - sind darum in der Grafik im unteren Teil der Wirtschaftsleistung eingetragen. In ihrer Größenordnung müssen die Arbeitsleistenden, also Arbeitnehmer, Selbständige und Unternehmer, Teile der von ihnen erarbeiteten Einkommen hergeben. Diese abzugebenden Anteile nehmen jedoch nicht im Gleichschritt mit der Wirtschaftsleistung zu, sondern im Gleichschritt mit den mehrfach rascher wachsenden Geldvermögen bzw. Schulden. Das heißt, die Werteschaffenden verlieren von Jahr zu Jahr mehr von ihrem Einkommen. Ausgleichen läßt sich dieser Verlust nur durch eine Leistungssteigerung, also eine Ausweitung des BSP. Damit ist die Ursache für unser ständiges Wirtschaftswachstum eingegrenzt: Solange wir einen ständig positiven Zinssatz haben, sind wir zum Wachstum verdammt, wenn wir den sozialen Kollaps vermeiden wollen.

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Welche Umweltfolgen hat die dauernde Leistungssteigerung?

Daß alle Ausweitungen der Wirtschaftsleistung zwangsläufig auch mit Ausweitungen des Ressourcenverbrauchs, der Abfallberge und der Gesundheitsbelastung verbunden sind, bedarf keiner Erklärungen. Das gilt selbst für die meisten Investitionen im Umweltschutzbereich. Ob Lärmschutzwände oder Schallschluckfenster, ob Klärwerke oder Filteranlagen: sie alle binden Rohstoffe und Energie nicht nur bei ihrer Erstellung, sondern häufig noch mehr bei ihrer laufenden Nutzung.

Geht man von solchen ökologischen Bilanzierungen aus, wie in der folgenden Abbildung schematisch dargestellt, dann wird die Fragwürdigkeit unseres Wirtschaftswachstums erkennbar. Die lineare Entwicklung unserer inflationsbereinigten Wirtschaftsleistung ist hier einmal nach ihrem Nettonutzen und den Folgekosten aufgeteilt, angelehnt an eine Darstellung aus dem "Nawu-Report" von Hans-Christoph Binswanger. Die Kosten der negativen Folgen unseres Produzierens haben anfangs den Nettonutzen kaum beeinträchtigt. Im Laufe der Zeit nahmen jedoch diese Folgekosten rascher zu als der Nettonutzen. Wachsen die Folgekosten schließlich schneller als die Wirtschaftsleistung, dann kommt es zu einem Umkippen der Nutzenentwicklung. Konkret: Trotz des weiteren linearen Leistungsanstiegs geht der Nettonutzen bzw. die Lebensqualität zurück. Addiert man einmal die gröbsten Schäden unserer Umwelt zusammen, dann kann man davon ausgehen, daß wir diesen Punkt des Umkippens schon überschritten haben. Das aber heißt mit anderen Worten: Die weitere Steigerung unserer Leistung wird nicht nur immer sinnloser, sie wird für die Natur und uns selbst auch immer gefährlicher.

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Gibt es Wachstum ohne Umweltbelastung?

Bei der Ermittlung des Sozialprodukts, an dem das Wirtschaftswachstum gemessen wird, werden neben den Produktionsleistungen auch die Dienstleistungen mit ihren Einkommensgrößen einbezogen. Die Vermutung liegt nahe, man brauche zukünftig nur die Dienstleistungen statt der Produktion auszuweiten, um die Zunahme der ökologischen Probleme beim Wirtschaftswachstum zu verringern. Ebenso wird häufig angenommen, mit einer solchen Ausweitung der Dienstleistungstätigkeiten könne man der Zinsbedienung ein Schnippchen schlagen, da hier weniger Kapital benötigt wird. Dazu ist einmal zu sagen, daß Dienstleistungen in einer Volkswirtschaft immer nur dann ausgebaut werden können, wenn der materielle Bedarf der Produzierenden abgesichert ist und darüber hinaus Überschüsse zur Verfügung stehen. Konkretes Beispiel: Wenn zehn Leute auf einer Insel stranden und zu Selbstversorgern werden, können sie nur dann einen Lehrer für ihre Kinder freistellen, wenn die restlichen neun ihn mitversorgen. Je größer also der Dienstleistungssektor in einer Volkswirtschaft ist, um so intensiver und effektiver muß im Produktionssektor gearbeitet werden. Das heißt, der Kapitaleinsatz im Dienstleistungssektor ist zwar in den meisten Fällen deutlich geringer als im Durchschnitt aller Arbeitsplätze, dafür muß er aber im Produktionsbereich um so höher sein. Das gleiche gilt für den Ressourceneinsatz. Im übrigen sorgen der technische Fortschritt wie der Druck der wachsenden Geldvermögen dafür, daß auch im Dienstleistungsbereich die Investitionen ständig größer werden und damit auch der Material- und Energieverbrauch. So liegen die Investitionen in modernen Arztpraxen kaum unter der Millionengrenze, und solche Werte werden in den neuen Kliniken fast schon je Bett erreicht. Welche Material- und Energieeinsätze hinter solchen Investitionen stehen, wird nachvollziehbar, wenn man sich vergegenwärtigt, daß im Aachener Klinikum allein die Investitionskosten für die Klimaanlage je Bettplatz mehr als 100000 DM betrugen.

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Können wir zu arbeitsintensiveren Produktionsmethoden zurück?

Ohne Zweifel gehen mit dem Einsatz von Menschen anstelle von Maschinen der Ressourcenverbrauch und dessen Folgen zurück. Doch abgesehen davon, daß Knochenarbeit bei uns kaum noch beliebt ist, gibt es noch ein anderes Problem, das wieder mit dem Geld zusammenhängt. Wie bereits beschrieben, nehmen bei uns die Geldvermögen jeden Tag um mehr als 1000 Millionen DM zu. Diese Einkommensüberschüsse müssen auf irgendeine Weise nachfragend in den Geldkreislauf zurückgeführt werden, wenn die Wirtschaft nicht zusammenbrechen soll. Da die Besitzer bzw. Empfänger dieser Kaufkraft kaum noch zusätzliche Konsumbedürfnisse haben, bleibt nur der Rücktransfer in die Wirtschaft über eigene Investitionen oder über Kredite : In jedem Fall erweitert sich nicht nur die Zinsbelastung für die Gesamtwirtschaft, sondern auch die Menge der produzierten Güter, die mit noch mehr Werbeaufwand an den Mann gebracht oder vom Staat aufgekauft werden muß. Diese 1000 Millionen täglich im arbeitsintensiven Dienstleistungs- oder Kulturbereich zu investieren, ist kaum möglich. Zum anderen verringert sich auch in der Industrie der Spielraum, um Beträge dieser Größenordnung laufend unterzubringen. Denn abgesehen von der Autobranche (der letzten großen Wachstumsbranche, die bislang noch von den Verbrauchern lebte, aber ebenfalls an Sättigungsgrenzen stößt), verbleiben fast nur noch staatlich unterstützte Großprojekte. Wegen der unzureichenden Rentabilität kaufen darum die liquiden Unternehmen lieber andere Firmen auf, als neue Arbeitsplätze zu schaffen. Selbst staatliche Subventionen und Steuergeschenke in Milliardenhöhe können sie heute kaum dazu bewegen, ihr Geld in den neuen Bundesländern zu investieren.

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Zu welchen Fragwürdigkeiten hat die staatliche Wachstumsförderung bisher geführt?

Daß der Staat im Gegensatz zu privaten Unternehmen auch unrentable Wachstumsinvestitionen tätigen kann, erleben wir seit Jahrzehnten. Das gilt nicht nur für "das dümmste Bauwerk", die Kanalverbindung zwischen Rhein und Donau, sondern auch für jene mit interessanten Namen geschmückten Technologieruinen, bei denen Milliarden aus den Taschen der Steuerzahler regelrecht vergraben oder in Beton gegossen wurden. Erinnert sei hier nur an den "Schnellen Brüter", der außer Kosten nichts erbrütet hat, an den "Hochtemperaturreaktor" bei Hamm oder jene halbfertige "Wiederaufbereitungsanlage", die gegen den Widerstand breiter Bevölkerungskreise gebaut werden mußte, bis ein einzelner Industrieller mit dem Daumen nach unten zeigte. Aber auch die Bürger wurden um des Wachstums willen vom Staat regelrecht zur Umweltzerstörung animiert. Das gilt ganz besonders für den Individualverkehr, den man um so mehr förderte, je weniger andere Produktbereiche noch Wachstumschancen boten. Ohne diese enorme staatliche Förderung wäre das Auto niemals zu jener "unheiligen" Kuh geworden, die das Gros der Bürger wie nichts anderes in der Welt mit Hekatomben von Menschenopfern verehrt. Das trifft nicht nur auf den überdimensionalen Ausbau des Autobahn- und Straßennetzes zu, der den fast aller anderen Länder in den Schatten stellt. Auch der Tatbestand daß wir bis heute immer noch das einzige Land in Europa ohne generelle Geschwindigkeitsbeschränkung auf den Autobahnen sind oder daß der Autoindustrie erst Jahre nach den USA Abgasnormen auferlegt wurden, ist kennzeichnend für die Einstellung unserer Regierenden. Denn sollte sich die Lust der Bürger am Fahren und Rasen verringern, hätte das Auswirkungen auf das Wachstum unseres Sozialprodukts. Ein besonderes Meisterstück war die Einführung des Katalysators: Statt den Autofahrern, die nach einer angemessenen Frist noch immer ohne Kat die Luft belasten, eine entsprechende hohe Strafgebühr anzukündigen, gewährte man großzügig Geschenke aus dem Steuertopf an diejenigen, die den Einbau vornahmen. Unser Rechtsprinzip, daß derjenige, der anderen Schaden zufügt, dafür belangt wird, hat man mit dieser Wachstumsförderung auf den Kopf gestellt. Analog dazu müßte man zukünftig alle Diebe straffrei stellen und jenen, die bereit sind, nicht zu stehlen, eine Prämie zahlen. Ebenso unlogisch wie entlarvend ist die Steuerpraxis. Während die Arbeitnehmer, die ihren Weg zur Arbeit umweltschonend ohne PKW zurücklegen, weniger oder gar nichts bekommen, werden die umweltbelastenden Autofahrer mit Kilometer-Freibeträgen belohnt. Ein besonders wirkungsvoller Dauerbrenner staatlicher Wachstumsförderung ist auch der EG-Agrarmarkt mit seinen Lagerhaltungen, Produktionsvernichtungen und Umwegtransporten. Während sich beispielsweise früher das Kalb bei der Mutterkuh trinkend ernährte, hat man diese Primitivmethode in der EG "endlich" aus der Welt geschafft: Heute wird der Mutterkuh die Milch maschinell abgesaugt, gekühlt vorgelagert, über durchweg 100 Kilometer mit Kühlwagen zur Molkerei gefahren, nach Entsahnung in eine Milchpulverfabrik geschafft, dort mit großem Energieeinsatz getrocknet, um anschließend - wieder über große Entfernungen - in einer temperierten Lagerhalle für Jahre zu verschwinden. Ist dann das Milchpulver eines Tages für menschliche Ernährung nicht mehr geeignet, kann der Bauer es verbilligt beziehen, mit Wasser vermischen und dem Kalb zu trinken geben. Die Erklärung für diesen Irrsinn findet man, wenn man nach seinen Nutznießern fragt. Kuh und Kalb gehören ganz gewiß nicht dazu. Ob für den Bauern zwischen dem höheren Milch- und dem niedrigeren Milchpulverpreis etwas herausspringt, hängt von seinem zusätzlichen Arbeits- und Kostenaufwand ab. Ohne Zweifel aber nutzt der ganze Unsinn mit seinen vielen Stationen dem Kapital. Denn sowohl bei der Milchverarbeitung und Lagerung wie den Transportvorgängen lassen sich Millionen und Milliarden investieren. Millionen und Milliarden, die auch dann dank des Staates garantiert Zinsen bringen, wenn die ganzen Vorgänge volkswirtschaftlich fragwürdig oder überflüssig sind.

 

Sind die umweltbezogenen Probleme mit Ökosteuern zu lösen?

Daß wir zu einem sorgsameren Umgang mit den Schätzen dieser Erde kommen müssen, wenn wir selbst eine Überlebenschance haben wollen, hat sich herumgesprochen. Ein sorgsamerer Umgang ist nur zu erreichen, wenn wir den natürlichen Gütern einen Preis geben, der ihrem Wert und ihrer Knappheit entspricht. Das gilt nicht nur für die Rohstoffe der Erde, sondern auch für den Boden selbst, für die Luft und das Wasser. Ökosteuern, -gebühren und -abgaben zur Verwirklichung dieses Ressourcenschutzes sind zwar seit Jahren im Gespräch, bislang aber kaum umgesetzt worden. Die Erklärung für diese unverantwortliche Verzögerung der notwendigen politischen Entscheidungen liegt wieder einmal beim Geld. Weniger daran, daß dieses Geld zum Schutz der Umwelt fehlt (man beachte nur, auf welch unnötige, umweltbelastende Weise es von den Bürgern wie den Staaten für völlig überflüssige Güter und Investitionen ausgegeben wird!), sondern in der Angst, das Wirtschaftswachstum könnte unter solchen Umweltschutzabgaben leiden. Andererseits aber hat die Umwelt keine Chance, solange wir jedes Jahr unsere Wirtschaftsleistung steigern, also die Menge der produzierten und verbrauchten Güter. Auf diesen Tatbestand hat der Steuerfachmann Johannes Jenetzky in einem Beitrag "Abgaben als Instrument ökologischer Zielsetzung" (erschienen 1990 in einem Sammelband "Umweltplanung, Umweltrecht und Umweltbewußtsein" der Ludwigsburger Hochschulschriften) ausführlich hingewiesen. Auf 40 Seiten legt er schlüssig dar, daß auch die besten Ökosteuern oder -abgaben ihr Ziel verfehlen müssen, solange der Rohstoff- und Energieeinsatz im Zuge ständigen wirtschaftlichen Wachstums weiter ausgeweitet wird. Vor allem aber - und das unterscheidet den Beitrag von anderen, vordergründig argumentierenden - klärt er über die vom Geld ausgehenden Wachstumszwänge auf. In diese Wachstumszwänge ist in einem ganz besonderen Maß jeder verschuldete Staat verquickt. Denn "stagnieren oder sinken die Steuereinnahmen durch einen Wachstumsknick, so überrollt der Zinsen- und Schuldendienst die öffentlichen Gemeinwesen", schreibt Jenetzky und zieht den Schluß: "Mit dem Anlaufen der Staatsverschuldung erwarb der Staat somit ein eigenes Interesse an permanentem Wirtschaftswachstum." Der Traum von einer ökologischen Kreislaufwirtschaft mit sanften Technologien wird also so lange unerfüllbar bleiben, wie die Geldvermögen weiter wachsen und über Kreditgewährungen zurückgeführt werden müssen. Und die Geldvermögen werden so lange wuchern, wie die Zinsen nicht wie andere Knappheitspreise den Sättigungsgesetzen der Märkte unterliegen. Nach einem Bericht des "Tagesspiegel" aus Washington vom 19.11.92 haben 1575 Wissenschaftler, darunter 99 Nobelpreisträger, noch einmal vor dem Untergang unserer Zivilisation gewarnt, der unvermeidlich ist, wenn wir unseren heutigen Umgang mit den Ressourcen der Erde nicht bald grundlegend verändern. Doch solche Warnungen müssen erfolglos verpuffen, solange sich die Wissenschaft nicht mit den fundamentalen Ursachen unseres Wachstums befaßt. Der bereits zitierte Schweizer Ökonom Hans-Christoph Binswanger hat vor wenigen Jahren in einem Interview die Sache einmal auf den Punkt gebracht: "99 Prozent der Menschen sehen das Geldproblem nicht. Die Wissenschaft sieht es nicht, die Ökonomie sieht es nicht, sie erklärt es sogar als "nicht existent". Solange wir aber die Geldwirtschaft nicht als Problem erkennen, ist keine wirkliche ökologische Wende möglich." Aber nicht nur die "ökologische Wende" ist ohne Erkennen des Geldsyndroms nicht möglich. Auch die Lösung der ökonomischen und sozialen Frage, sogar die des Friedens in der Welt, hängt davon ab.

 

Siehe zum Thema ,,Wachstum" auch den Beitrag <Wachstum bis die Umwelt stirbt>.

Das Buch <Das Geldsyndrom> von Helmut Creutz
finden Sie unter der folgenden Adresse alsVollversion im Internet:

http://userpage.fu-berlin.de/~roehrigw/creutz/geldsyndrom/

 

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