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Beitragsreihe verantwortungsbewusstes Handeln
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H  E  L  M  U  T       C  R  E  U  T  Z

 

Schulden in Deutschland

- Größenordnungen, Entwicklungen und Auswirkungen -

(lesen Sie hierzu auch ,,Vermögen in Deutschland")


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«Immer dann, wenn es in der ökonomischen Realität anders zugeht, als es die Modelle der Wirtschaftslehrbücher vorschreiben, sollten die Ökonomen, statt in der Rumpelkammer überholter Theorien herumzustöbern, nach den monetären Ursachen der Kriese fahnden.«

(Wilhelm Hankel, John Maynard Keynes,
Die Entschlüsselung des Kapitalismus,
München 1986, S. 143.)

Weltweite Schlagzeilen hat das Thema Schulden erstmals Anfang der 80er Jahre gemacht. Anlaß war die Zahlungsunfähhigkeit einiger hochverschuldeter Entwicklungs- und Schwellenländer. In Deutschland ist das Verschuldungsproblem dagegen erst in den 90er Jahren zu einem Medienthema geworden, und zwar bezogen auf die ausufernden öffentlichen Kreditaufnahmen. Dabei werden diese fast immer in Verbindung mit den Kosten der deutschen Einheit gebracht. In Wirklichkeit aber haben die Vereinigungskosten die Entwicklung lediglich beschleunigt. Schon in der zweiten Hälfte der 80er Jahre waren die gesamten öffentlichen Schulden in Deutschland z.B. höher als die vieldiskutierten Auslandsschulden Lateinamerikas. Und die gesamte deutsche Inlandsverschuldung - des Staates, der Unternehmen und der privaten Haushalte war doppelt so hoch wie die gesamten Auslandsschulden der Entwicklungs- und Schwellenländer, einschließlich des damaligen Ostblocks. Die Inlandsschulden der USA lagen sogar beim Achtfachen dieser Größe.

Natürlich ist der Vergleich zwischen Auslands- und Inlandsschulden aus verschiedenen Gründen fragwürdig. Er läßt aber auf einen Blick erkennen, daß die

Verschuldungsproblematik keinesfalls nur eine der Südhalbkugel ist. Vielmehr ist die Größenordnung dieser Problematik in den Industrienationen - auch unter Berücksichtigung der Wirtschaftsleistung - noch gravierender.

Entwicklung der Gesamtverschuldung

Die Größenordnung und Überentwicklung der bundesdeutschen Gesamtverschuldung werden besonders deutlich, wenn man sie mit jener des Sozialprodukts vergleicht. So ist von I950-95 das Sozialprodukt nominel auf das 33fache gesteigert worden, die Verschuldung aber auf das 117fache. Trägt man die Entwicklung in realen inflationsbereinigten Größen auf <Abb. 1>, dann ergibt sich bis 1995 für die Wirtschaftstätigkeit ein Anstieg auf das Siebenfache und für die Schulden auf das 23fache.

Die Verschuldung, anfangs noch unter der Wirtschaftsleistung liegend, nahrn nicht nur steiler zu, sondern sogar mit einem exponentietIen Trend. Da die Verzinsungen dieser Schulden aus dem imrner weniger steigerungsfähigen Sozialprodukt bedient werden müssen, ist diese Scherenöffnung mit zunehmenden Veteilungskonflikten zwischen Kapital und Arbeit verbunden. Da eine Anpassung der Wirtschaftsleistung an die Überentwicktung der Geldvermögen und Schulden undenkbar ist, diese aber aufgrund der Fehlstrukturen im monetären Bereich ständig weiterwuchem, kann es nur eine Frage der Zeit sein, bis diese Entwicklung kollabiert.

Wie sich die in <Abb. 1> in realen Werten dargestellte Gesamtverschuldung zusammensetzt, ist in <Tabelle 1> in nominellen Größen wiedergegeben.

Wie aus den rechten Spalten der <Tabelle 1> hervorgeht, nahm die Verschuldung der Privathaushalte mit dem Faktor 372 am stärksten zu. Gemessen an der Größe der Gesamtverschuldung ist ihr Anteil jedoch immer noch sehr gering. Allerdings werden in der bei uns üblichen Statistik nur die Konsumtentenkredite als Verschuldung der Privathaushalte ausgewiesen. Die etwa dreimal so hohen privaten Hypothekenschulden gehen dagegen in die Verschuldung des Unternehmenssektors ein.

Die geringe Höhe der Konsumentenschulden ist ebenfalls aus <Abb. 2> ersichtlich. Auch aus dieser Darstellung wird die übermäßige Entwicklung der Gesamtverschuldung gegenüber der Wirtschaftsleistung deutlich. Während 1950 auf jede Mark Sozialprodukt nur 53 Pfennig Schulden kamen, waren es 1995 mit 2,23 DM dreieinhalbmal so viel. Lediglich in der zweiten Hälfte der 50er und der 80er Jahre ließ diese Überentwicklung vorübergehend nach. Wie aus den Sektorenanteilen zu erkennen, war dies im ersten Fall vor allem auf die verlangsamte Verschuldungsausweitung des Staates zurückzuführen, im zweiten Fall auf die in der Wohnungswirtschaft als Folge nachlassender Neubautätigkeit.

Wie weiter aus der Grafik zu entnehmen, waren Staat und Untemehmen 1995 in ähnlicher Größenordnung an der Gesamtverschuldung beteiligt wie I950. Allerdings sank die Staatsverschuldung zwischenzeitlich auf fast den halben Ausgangsanteil, um dann ab 1970 wieder zuzulegen.

Staatsverschuldung

Unter dem Begriff Staatverschuldung werden hier die Schulden aller öffentlichen Haushalte und Nebenhaushalte zusammengefaßt. Die entsprechenden Größen für Ende 1995 gehen aus <Tabelle 2> hervor.

Die dort aufgeführten >Sondertöpfe< sind inzwischen weitgehend vom Bund übemommen worden.

In der Springerpresse war unter Berufung auf ,,Der Bundeshaushalt 2001" zu lesen, daß der Staat im nächsten Jahr bereits jetzt voraussichtlich 81,6 Milliarden Zinsen und Zinseszinsen zu zahlen habe, also 3,1 Milliarden mehr als im laufenden Jahr! Weiter heißt es, daß der "Schuldendienst" des Bundes pro Stunde den Gegenwert von 18 Einfamilienhäuser im Wert von je 500.000 Mark verschlänge.

Dabei resuItiert das negative Bundeseisenbahnvermögen aus den Lasten, die der Bund bei der Privatisiensng der Bahn übenehmen mußte. In dem sog. ErbIastentilgungsfonds wurde der vorherige Kreditabwicklungsfonds mit den Schulden der TreuhandanstaIt zusammengefaßt, jener Institution, die eigentlich mit dem Verkauf der Ost-Vermögenswerte einen Gewinn erwirtschaften sollte.

Die Entwicklung der öffentlichen Gesamtverschuldung im Vergleich zu den öffentlichen Einnahmen geht aus <Abb. 3> hervor. Während die Verschuldung in den ersten 70er Jahren gegenüber den Einnahmen noch leicht zurückblieb, setzte anschIießnd eine ähnliche Scherenentwicklung ein wie bei der Gesamtverschuldung bereits seit 1950. Ab 1990 erkennt man deutlich die Beschleunigung der Schuldenentwicklung, der allerdings vereinigungsbedingt auch erhöhte Staatseinnahmen gegenüberstehen. Insgesamt aber öffnet sich die Schere zwischen Einnahmen und Schulden weiter, und der einst so fette Bundesadler droht immer mehr zu einem zerrupften Pleitegeier zu verkommen.

Vergleicht man die Entwicklung mit jener in anderen Industrienationen, dann relativiert sich der übermäßige Anstieg der bundesdeutschen Staatsverschulducig allerdings erheblich <Abb. 4>. Diese vergleichende Grafik ist in dreifacher Hinsicht interessant. Einmal bezogen auf die Schuldenentwicklungen in dem dargestellten Gesamtzeitraum, zum zweiten bezogen auf die der letzten fünf Jahre und schließlich bezogen auf die Größen der öffentlichen Schuldenbestände im Jahr 1995.

Betrachtet man als erstes die Entwicklungen im Gesamtzeitraum, dann hat alleine Großbritannien seinen Schuldenstand absenken können, und das sogar, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, um 25 Punkte. Erreicht wurde diese Absenkung u.a. durch radikale Ausgabenkürzungen und den Verkauf öffentlichen Eigentums, wie z.B. Wasser-, Elektrizitätswerke. Bei allen anderen G7-Ländern kam es dagegen zu einem deutlichen Anstieg der Verschuldung. Am größten war dieser in Italien mit einem Zuwachs von 80 Punkten bezogen auf das BIP Auch Japan und Kanada lagen mit ihren Zuwachsgrößen über dem Durchschnitt aller G7-Länder, der bei plus 37 Punkten lag. Unter diesem Durchschnittswert verblieben Deutschland mit 33, Frankreich mit 32 und die USA mit 28 Zuwachspunkten.

Berachtet man jedoch die Entwicklungen in den letzten fünf Jahren, dann sind in diesem Zeitraum nicht nur in Deutschland die Verschuldungen hochgeschossen, sondern auch in allen anderen G7-Ländern. Die Zunahme in Deutschland lag sogar mit plus 15 Punkten unter dem Durchschnitt der G7-Länder mit plus 19 Punkten. Lediglich in den USA flachte in diesen fünf Jahren die Entwicklung ab.

Dieser Vergleich relativiert auch die Wirkung der Vereinigungsfolgen, die bei uns immer wieder als Erklärung der staatlichen Schuldeneskalation angeführt werden. Er beweist vielmehr, daß andere Ursachen für diesen allgemeinen Schuldenanstieg maßgebender gewesen sein müssen, nicht zuletzt wohl die Auswirkungen der letzten Hochzinsphase.

Vergleicht man die 1995 erreichten Schuldenbestände der öffentlichen Haushalte, dann schneidet Deutschland - wie sich aus der linken Skala in der Gratik ergibt - mit knapp 60% des Sozialprodukts am besten ab. Auch Frankreich, Großbritannien und die USA bleiben mit etwa 70% noch unter dem G7-Durchschnitt von 86%. Japan und Kanada liegen mit 95 bzw. 108% dagegen deutlich darüber, und Italien ist, ähnlich wie bei der Schuldenzuwachsrate, mit einem Schuldenstand von 135% des BIP der Spitzenreiter.

Unternehmensschulden

Wie in <Tabelle 1> bereits aufgezeigt, ist die Verschuldung der Unternehmen seit 1950 ähnlich überproportional angestiegen wie die des Staates. Allerdings ist das Volumen dieser Unternehmensschulden mehr als doppelt so groß. Doch trotz dieses enormen Umfangs sind die Unternehmensschulden bislang bei uns kaum thematisiert worden. Selbst bei den Meldungen über die sich häufenden Insolvenzen wird dieses Problemfeld nur selten angesprochen, obwohl es die Ursache der meisten Zahlungsunfähigkeiten ist.

Vergleicht man die Verschuldungsentwicklung im Unternehmenssektor mit derjenigen der Wertschöpfung, ergibt sich eine ähnliche Auseinanderentwicklung wie zwischen der deutschen Gesamtverschuldung und dem Sozialprodukt. So lagen die Verschuldungen der westdeutschen Unternehmen 1950 erst bei der Hälfte der Wertschöpfungsgröße, 1990 jedoch beim Anderthalbfachen. Anders ausgedrückt: Die Wertschöpfung stieg in den 40 Jahren inflationsbereinigt auf das Sechsfache an, die Unternehmensverschuldung auf das l9fache.

Aber auch gemessen an den bundesdeutschen Anlagevermögen, die als dingliche Absicherung der Schulden dienen, ergibt sich eine immer problematischere Verschiebung. Zwar sind diese Anlagevermögen von 1950 bis 1990 doppelt so rasch vermehrt worden wie das Sozialprodukt, die Schulden aber nahmen mehr als dreimal so rasch zu.

Dieser übermäßige Anstieg der Verschuldung gemessen an den Anlagevermögen bedeutet aber nicht nur sinkende Eigenkapitalquoten, sondern auch höhere Fremdkapitalkosten und damit zunehmende Anfälligkeiten der Unternehmen, vor allem bei hochzinsbedingten Konjunktureinbrüchen. Die eskalierenden Schuldenzinslasten, verbunden mit rezessionsbedingt sinkenden Umsätzen, lassen dann die Insolvenzen in die Höhe schnellen. In welchem zunehmenden Maße das der Fall ist und wie sich die Pleitezahlen von Krise zu Krise erhöhen, zeigt <Abb. 5>

Wie aus der Grafik ersichtlich. folgen die Anstiege der Arbeitslosigkeit jenen der Zinssätze mit ein bis zwei Jahren Verzögeruna. Ein bis zwei Jahre nach dem Zinshöhepunkt bricht dann jeweils auch der Anstieg der Arbeitslosigkeit ab. Wiederum mit zwei bis drei Jahren Verzögerung erreicht dann die Kurve der Insolvenzen ihren jeweiligen Höhepunkt. Ursache der Verzögerung ist, daß die angeschlagenen Firmen verständlicherweise mit allen Mitteln versuchen, die Schließung so lange wie möglich aufzuschieben. Manche Unternehmen geraten auch erst als Folge der Insolvenzen anderer Unternehmen in Schwierigkeiten oder durch die unzulänglich oder gar nicht wieder anspringende Konjunktur.

Die mit den Firmenschließungen verbundenen Entlassungen erschweren selbstverständlich den Abbau der in der eigentlichen Krise entstandenen Arbeitslosigkeit. So erhöhte sich der Arbeitslosenbestand durch die Firmenschließungen, sowohl 1995 wie 1996, jeweils um etwa 400.000 Entlassene. Und für 1997 wird sogar noch eine Steigerung der Pleitenzahlen erwartet. Bedenkt man außerdem, daß mit diesen Insolvenzen in den Jahren 1995 und 1996 jeweils Volksvermögen in Höhe von etwa 60 Mrd. DM vemichtet wurden, wird die zunehmende vielschichtige Gefährlichkeit der überschuldungsbedingten Entwicklungen im Unternehmensbereich deutlich.

Verschuldung der Privathaushalte

Als Verschuldung der Privathaushalte werden in den deutschen Statistiken meist nur die Konsumentenschulden angeführt. Wie bereits aus der <Tabelle 1> ersichtlich, lagen diese Konsumentenschulden 1995 bei 372 Mrd. DM. Aufgeteilt auf die rund 36 Mio. Haushalte in Deutschland (von denen inzwischen fast 40% Einpersonenhaushalte sind!), ergibt sich eine rechnerische Verschuldung je Haushalt in Höhe von rund 11.000 DM. Legt man jedoch die Konsumentenschulden auf das tatsächlich verschuldete Fünftel der Haushalte um, dann liegt der Durchschnittsbetrag der Konsumentenschulden bereits über 50.000 DM.

Im Gegensatz zu der kaum thematisierten Unternehmensverschuldung machen diese Kosumentenschulden, trotz ihrer relativ geringen Höhe, ab und zu einmal Schlagzeilen. Vor allem dann, wenn es als Folge von Überschuldungen zu Familientragödien kommt. Angesichts der dabei anstehenden Schulden- und Zinslastbeträge sind solche Vorgänge für den Normalbürger auch noch nachvollziehbar, während das bei den Milliardenschulden der Unternehmen und des Staates kaum noch der Fall ist. Entsprechend empört man sich oft deutlich über die direkt zu zahlenden Zinsforderungen der Banken gegenüber verschuldeten Konsumenten, während man die rund 20mal höheren Zinsforderungen für die Staats- und Unternehmensschulden, die von allen Konsumenten indirekt mit jeder ausgegebenen Mark über Steuern, Preise und Gebühren gezahlt werden müssen, kaum zur Kenntnis nimmt.

Nach Meldungen von gewerkschaftlichen wie kirchlichen Stellen sollen in Deutschland inzwischen bereits zwei Millionen Haushalte überschuldet sein. Das heißt, sie sind nicht mehr in der Lage, ihren Zins- und Tilgungsverpflichtungen nachzukommen.

Die zunehmenden und trotzdem nicht ausreichenden Schuldnerberatungsstellen sind mit solchen Notlagen tagtäglich konfrontiert. Erfreulicherweise verbreitet sich aus dieser Konfrontation die Einsicht, daß diesen Überschuldungsproblemen mit nachträglicher Beratungshilfe kaum noch beizukommen ist. So hieß es z.B. in einer Presseinformation des Deutschen Caritasverbandes, herausgegeben nach der Jahrestagung der Schuldnerberater 1996: »Wir Schuldnerberater können nicht länger nur Einzelfallhilfe leisten, sondern müssen unsere Finger in die Wunden des monetären Systems legen.« Und weiter wurde als gesellschaftlich notwendig erklärt, das Thema Geld und Schulden zu enttabuisieren und das Zinssystem zu verändem.

Etwa dreimal größer als die Konsumentenschulden sind die ebenfalls zu den privaten Schulden gehörenden Hypothekenkredite für die selbstgenutzten Eigenheime und Eigentumswohnungen. Ihr Gesamtbetrag lag 1995 bei etwa 1.040Mrd. DM. Verteilt auf alle Haushalte ergibt das einen statistischen Anteil von rund 30.000 DM. Da jedoch nur etwa ein Viertel der Haushalte mit solchen Hypothekenschulden belastet sind, beträgt die tatsächliche Belastungshöhe bei diesen Haushalten etwa 120.000 DM.

Kommen bei Einzelhaushalten beide Schuldenarten zusammen, erhöhen sich die Gefahren von Zahlungsunfähigkeiten. Arbeitslosigkeit oder Krankheit eines Familienmitglieds oder auch schon eine Hochzinsphase mit entsprechend steigenden Belastungen, können sogar die Versteigerung des Immobilienbesitzes erzwingen. Zehntausende Familien haben in Deutschland auf diese Weise ihr Dach über dem Kopf verloren, auch in den letzten Jahren. In England waren Ende der 80er Jahre sogar Hunderttausende Haushalte von diesem Schicksal betroffen. Und häufig reichen die aus den Versteigerungen erzielten Erlöse noch nicht einmal zur Schuldentilgung.

Zieht man auch bei den Privatverschuldungen die Verhältnisse in den G7-Ländern zum Vergleich heran, ergibt sich folgendes Bild <Abb. 6>: Italien, das bei der Staatsverschuldung die Spitzenposition inne hatte, ist bei den privaten Schulden das Schlußlicht. Aber auch die deutschen Haushalte liegen mit einer Verschuldungshöhe von 41% des BIP weit hinter den anderen Ländern. Und während bei den meisten Ländern die Entwicklung in den letzten zehn Jahren deutlich nach oben zeigte, ging sie in Deutschland in dieser Zeit sogar leicht zurück. Spitzenführer in der Hitliste der Privatschuldner waren 1995 Japan und Großbritannien, beide mit einem Satz von 79% des BIP, gefolgt von den USA mit 72%. Alle drei Länder weisen auch einen relativ gleichverlaufenden steilen Anstieg aus, während es in Frankreich ab 1995 zu einem deutlichen Rückgang kam.

Wie diese Vergleiche zeigen, ist also auch die Verschuldung der privaten Haushalte in Deutschland - trotz gelegentlicher Schlagzeilen - noch relativ gering entwickelt. Um zu Verhältnissen wie in Japan oder Großbritannien zu kommen, müßten die deutschen Haushalte ihre heutigen Schuldenbestände fast auf das Doppelte ausweiten.

Ursachen der Überschuldung

Der Begriff »Überschuldung« ist auf jeden Fall zutreffend, wenn ein Schuldner nicht mehr in der Lage ist, seinen Zins- und Tilgungsverpflichtungen aus seinem laufenden Einkommen nachzukommen. Man kann jedoch auch dann schon von einer Überschuldungsentwicklung sprechen, wenn die Schulden in einer Volkswirtschaft rascher zunehmen als die Anlagevermögen oder das Sozialprodukt. Denn da die Schulden aus dem Sozialprodukt mit Zinsen bedient werden müssen, führt dessen relative Unterentwicklung auf Dauer zwangsläufig zur Zahlungsunfähigkeit. Und da die relative Unterentwicklung der Sach- und Anlagevermögen die Gläubigerrisiken vergrößert, steigen als Folge die Risikoaufschläge in den Zinsen, was die Problementwicklungen zusätzIich beschleunigt. Kurz: In jeder Volkswirtschaft, in der die Schulden rascher zunehmen als die Wirtschaftsleistung, ist der gesamtwirtschaftliche Kollaps aus einfachen mathematischen Gründen nur eine Frage der Zeit.

Doch wie kann es überhaupt zu solchen Überschuldungsentwicklungen kommen?

Schulden sind bekanntlich das Spiegelbild der Geldvermögen. Noch richtiger: Schuldenaufnahmen setzen entsprechende Ersparnisbildungen voraus. Dabei können die Schulden jedoch nicht nur im Umfang der Geldersparnisse ansteigen, sondern sie müssen in diesem Umfang ausgeweitet werden. Denn alle sich irgendwo bildenden Einkommensüberschüsse, die nicht über den Kreditweg in die Wirtschaft zurückgeführt werden, erzeugen in gleicher Höhe Nachfragelücken, die zu entsprechenden Unterbrechungen des Geld- und Wirtschaftskreislaufs führen.

Diesen Zwang für jede Volkswirtschaft, sich in Höhe der anwachsenden Ersparnisbildungen zu verschulden, hat einer der früheren »fünf Wirtschaftweisen«, Rüdiger Pohl - bezogen auf die besondere Verpflichtung des Staates - 1987 in der ZEIT bestätigt: »Wohlgemerkt: Staatliche Kreditaufnahme ist kein Selbstzweck. Aber wenn ... das Kapitalangebot aus privaten Ersparnissen steigt, gleichzeitig die Kapitalnachfrage des Auslandes... und ... der Unternehmen wegen der schwachen Investitionsneigung gering bleibt, dann muß der Staat das am Markt entstehende Kapitalüberangebot aufnehmen, weil anderenfalls eine deflationäre Wirtschaftsentwicklung einsetzen würde.«

Damit ist also die Frage, warum in unseren Volkswirtschaften die Schulden ständig zunehmen, im Prinzip beantwortet: Sie wachsen im Gleichschritt mit den Ersparnissen, ja sie müssen damit wachsen, gleichgültig wer auch immer die Schuldnerrolle im In- oder Ausland übernimmt.

Dieser Verschuldungszwang besteht jedoch nicht nur aus gesamtwirtschaftlichen Gründen. Vielmehr trifft er letztlich für fast alle Wirtschaftsteilnehmer zu. Denn die sich bei einem Teil der Bevölkerung ansammelnden Einkommensüberschüsse stammen weitgehend aus Zinsgutschriften, deren tägliche Höhe bereits die Milliardengrenze überschritten hat. In Höhe dieser Zinsgutschriften entstehen aber in den Taschen der Zinszahler entsprechende Kaufkraftlücken, die diese letztlich nur durch Zurückleihen der gezahlten Zinsen wieder schließen können.

Die weiter sich anbietende Frage, warum die Geldvermögen überproportional wachsen und damit eine immer höhere Verschuldung erzwingen, ist mit dem Hinweis auf die Zinsgutschriften im Prinzip bereits beantwortet. Zwar nehmen die Geldvermögen auch durch Rücklagen aus den laufenden Arbeitseinkommen zu. Diese »normale« Ersparnisbildung wird jedoch in einer älter werdenden Wirtschaftsepoche immer mehr durch den Automatismus des Zinseszinseffekts abgelöst bzw. verdrängt. Selbst die Deutsche Bundesbank schreibt in ihrem Monatsbericht von Oktober 1993 von einer »Selbstalimentation der Geldvermögen« und legt weiter dar, daß die Zinsgutschriften bei den privaten Haushalten inzwischen 80% der Ersparnisbildung ausmachen, während sie in den 50er Jahren erst bei 16% gelegen haben.

Die Höhe des Wachstums der Geldvermögen hängt also immer mehr von den Zinsgutschriften ab, deren Höhe wiederum von den jeweiligen Zinssätzen. Steigen diese, kommt es zu einer förmlichen Explosion der Zinslast- und Zinsertragsströme. So haben beispielsweise die westdeutschen Banken 1988, am Ende der letzten Niedrigzinsphase, 171 Mrd. DM Zinsen an die Geldgeber ausgeschüttet, vier Jahre später, also 1992, mit 344 Mrd. DM mehr als das Doppelte. Da die westdeutschen Geldvermögen in den vier Jahren jedoch »nur« um 39% vermehrt wurden, geht rund zwei Drittel dieser Zinsstromverdopplung auf das Konto der gestiegenen Zinssätze.

Liegen die Zinssätze in einer Volkswirtschaft über den Wachstumsraten des Sozialprodukts, dann müssen die Geldvermögen und damit wiederum die Schulden überproportional zunehmen. Dieser Zustand ist in Deutschland etwa seit Ende der 60er Jahre gegeben. Zwar steigern wir unser Wirtschaftswachstum jährlich immer noch um die gleichen Mengen wie in den 50er Jahren. Aber zur Beibehaltung dieser linearen Steigerungen genügen immer geringere prozentuale Wachstumsraten, weil die Basisgrößen der Berechnungen von Jahr zu Jahr größer sind. So waren für dieses lineare Wachstum in den 50er Jahren noch Raten von etwa 8,5% erforderlich, während inzwischen 1,8% dafür genügen. Da aber die realen Kapitalmarktzinssätze langfristig bei vier Prozent liegen und die nominellen bei sieben Prozent, geht die Schere zwischen den Wachstumsraten der Geldvermögen und jenen der Wirtschaftsleistung immer mehr auseinander. Die daraus resultierende Diskrepanz wird besonders deutlich, wenn man - wie in <Abb. 7> - die Jahreszuwächse dieser beiden Größen miteinander vergleicht. Danach lagen die Zuwächse der Geldvermögen in den 50er Jahren erst beim l,3fachen des Sozialprodukts. In den 60er Jahren hatten sie bereits das l,5fache erreicht, in den 70er Jahren das l,8fache und in den 80er Jahren das 2,6fache. Von 1991-95, also bezogen auf die gesamtdeutschen Zahlen, lagen die Geldvermögenszuwächse sogar beim 3,7fachen des BSP-Zuwachses. Oder anders ausgedrückt: Die Geldvermögenszunahmen waren in den letzten fünf Jahren in absoluten Zahlen fast viermal so hoch wie die Zunahmen der Wirtschaftsleistung!

Die zusätzlich eingetragenen Trendlinien lassen das sich beschleunigende Auseinanderdriften beider Größen erkennen: Während die Entwicklung der BSP-Zuwachsraten tendentiell linear verläuft, zeigt die der Geldvermögen eine exponentielle Entwicklung. Die Geldvermögen wachsen gewissermaßen durch sich selbst, oder wie die Kybernetiker sagen, ihre Entwicklung ist positiv rückgekoppelt. Während jedoch solche positiv rückgekoppelten Prozesse bei jedem Techniker oder Physiker die Alarmglocken schrillen lassen, nehmen die Wirtschaftswissenschaftler die Entwicklungsdramatik im Geldbereich kaum zur Kenntnis. So wichtig es auch ist, sich mit den Symptomen der Armutsentwicklung in unserem Land zu befassen, noch wichtiger ist eine Befassung mit ihrer Ursache: der zunehmenden Konzentration des Reichtums in den Händen einer Minderheit. Das gilt besonders für die Geldvermögen, deren übermäßiges Wachstum die zunehmenden sozialen Spannungen vor allem erzeugt.

Diese sozialen Spannungen zeichnen sich in <Abb. 7> auch bei den zurückbleibenden Zuwachsgrößen der Nettolöhne und -gehälter ab. Während diese in den ersten Jahrzehnten noch etwa im Gleichschritt mit dem Sozialprodukt zunahmen, fielen sie bereits in den 80er Jahren und noch deutlicher in den 90er Jahren zurück. Dieser Rückgang der Netto-Einkommen. der Arbeitnehmer hängt zweifelsfrei mit der übermäßigen Entwicklung der Geldvetmögen und der damit verbundenen Zinsansprüche zusammen.

Folgen und Auswirkungen
der Überschuldungen

... für Staat und Politik

Im Zuge der wachsenden Staatsverschuldung wird immer wieder darauf hingewiesen, daß die politischen Handlungs- und Gestaltungsspielräume durch die wachsenden Schuldenzinsen mehr und mehr

eingegrenzt werden. Bedenkt man, daß der Posten Schuldenzinsen noch vor 20 Jahren im Bundeshaushalt unter ,,ferner liefen" gesucht werden mußte, Anfang der 80er Jahre den dritten Platz einnahm und inzwischen die vielkritisierten Verteidigungsausgaben vom zweiten Platz verdrängt hat, wird die Dramatik dieser Entwicklung deutlich.

Den schwindenden Handlungsspielraum versuchen die Politiker durch immer rigerosere Ausgabenkürzungen - irreführend als ,,Sparmaßnahmen" bezeichnet auszugleichen. Andererseits sehen sie sich aber auch dazu gezwungen, mit allen Mitteln das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, da sich nur dadurch die Steuereinnahmen erhöhen lassen. Aufgrund der allgemeinen Sättigung der Märkte sind solche Ankurbelungen jedoch weitgehend nur durch Steuererleichterungen für und/ oder Subventionen an die Unternehmen zu erreichen. Durch diesen fragwürdigen Scheck auf die Zukunft vergrößern sich jedoch erst einmal die Engpässe in den Kassen. Als Ausweichmöglichkeit aus diesem Dilemma verbleiben für den Staat dann nur noch Erhöhungen der Lohn- und/oder Mehrwertsteuern oder Kürzungen im Sozialbereich. Beide Maßnahmen aber verringem wiederum die Massenkaufkraft, womit sich die Problemzunahme beschleunigt.

In welchem Maße in den letzten Jahren die lohn- und umsatzbezogenen Steuern gestiegen und die unternehmensbezogenen gesunken sind, zeigt der prozentuale Entwicklungsvergleich ab 1988 in <Abb. 8>.

Sowohl die Lohn- wie die veranlagten Einkommensteuern waren zwar durch die Steuersenkung im Jahr 1989 unter die Entwicklung des Sozialprodukts gesunken. Ab 1990 stiegen beide jedoch wieder mit der Wirtschaftsleistung an. Die veranlagte Einkommensteuer allerdings nur bis 1991, um dann ab 1992 steil abzufallen. Hauptursache dafür war der hochzinsbedingte Konjunktureinbruch mit seinen Folgen für die Unternehmergewinne. Die Lohnsteuer nahm dagegen ab 1991 beschleunigt zu, um in den anschließenden Jahren oberhalb der Entwicklung der Wirtschaftsleistung zu verbleiben.

Noch steiler als die Lohnsteuern stiegen ab 1991 die Umsatzsteuern an und entfernten sich immer mehr von der Entwicklung des Sozialprodukts. Diese fast schon explodierenden Verbrauchssteuern waren die einzige Größe, die mit der noch steileren Entwicklung der zusätzlich eingetragenen öffentlichen Zinslasten halbwegs Schritt halten konnte. Doch trotz dieser höheren steuerlichen Belastung der breiten Bevölkerungsschichten und entprechend höherer Staatseinnahmen konnten die Zinslasten letztlich nur durch zusätzliche Neuverschuldungen abgesichert werden. Das war sogar schon in den 80er Jahren der Fall, also noch vor der deutschen Vereinigung. So entsprach die Zunahme der öffentlichen Verschuldung von 1982 bis 1991 mit 538 Mrd. DM ziemlich aenau den Zinsen, die von den Gebietskörperschaften im gleichen Zeitraum aufgebracht werden mußten.

. . . für Unternehmen und Wirtschaft

Wie beim Staat oder der gesamten Volkswirtschaft können auch bei den Unternehmen alle Größen letztlich nur im Gleichschritt mit der Leistung zunehmen. Entwickelt sich eine Größe rascher als die Leistung, muß das an anderen Stellen zu Spannungen oder Engpässen führen. Das heißt. auch bei den Unternehmen schwinden die Handlungsspielräume mit den Verschuldungen und Zinsverpflichtungen, wenn diese rascher zunehmen als die Wertschöpfung. Und ähnlich wie beim Staat bieten sich auch bei den Untemehmen als Ausweg nur Einsparungen bei den Investitionen und/oder Lohnkosten an.

Bedenkt man, daß in der letzten Hochzinsphase von 1988 bis 1993 die Zinsbelastung der Unternehmen je Arbeitsplatz von rund 6.000 auf 13.000 DM angestiegen ist, wird die Größenordnung dieses Einsparungsdrucks nachvollziehbar. Dabei handelt es sich bei den genannten Summen um Durchschnittsbeträge bezogen auf alle Betriebe, also auch die unverschuldeten. In hochverschuldeten Unternehmen sind die Belastungen vielfach höher. So lagen z.B. die Verschuldung bei der Telekom 1993 je Arbeitsplatz bei einer halben Million DM und die daraus resultierenden Zinslasten bei 35.000 DM. Bezogen auf die Lohnkosten von 58.000 DM je Arbeitsplatz waren das 60%.

Geht man von dem Telekom-Zinssatz in Höhe von 7% aus, dann bedeutet bereits ein Anstieg derselben um zwei Prozentpunkte einen Kostenanstieg von 10.000 DM je Arbeitsplatz, was einem Anstieg der Löhne von 17% entspricht! Man kann sich darum vorstellen, daß für manche hochverschuldeten Unternehmen bereits ein Zinssatzanstieg von einem Prozentpunkt existenzgefährdend sein kann. Aber auch gering oder gar nicht verschuldete Unternehmen können durch solche Zinssatzanstiege in die roten Zahlen geraten, wenn verschuldete Abnehmer ihre offenen Rechnungen nicht mehr bezahlen können.

In solchen Lagen können meistens nur noch rigorose Einsparungen die Unternehmen retten. Das heutige Geplänkel um die Lohnfortzahlung im Krankheitsfall ist deshalb auch nur ein erster Schritt in die Richtung niedrigerer Löhne. Er wird sich auch ohne Konjunktureinbrüche weiter fortsetzen, allein schon durch das weitere Wachstum der Unternehmensschulden.

Während die Wertschöpfung zwischen 1988 und 1995 um 44% zunahm, stieg die Zinsbelastung um 110%. Als Folge kam es 1993 nicht nur zu einer Staonation der nominellen Wertschöpfuna, sondern bereits ab 1991 zu einem Einbruch der Einkommen aus Unternehmertätigkeit und ab 1993 zu einem Rückgang der Nettolöhne und -gehälter. Dieser Lohnri.ickgang und vor allem der Abbruch der Zinslastanstiege ließen die Unternehmereinl:ommen ab 1993 wieder steigen. 1995 erreichten sie wieder die Entwicklung der verlangsamt angestiegenen Wertschöpfung, während die Lohngrößen weiter zurückfielen.

... für die Privathaushalte und die soziale Frage

Die direkten Schuldenzinsbelastungen der privaten Haushalte aus den Konsumentenschulden lagen 1995 bei 41 Mrd. DM, für die knapp dreimal höheren privaten Hypotheken bei etwa 80 Mrd. DM. Die häufig zu hörende Vermutung, das Gros der Haushalte ohne eigene Schulden hätte mit Zinszahlungen nichts zu tun, ist falsch. Denn auch die Zinsen der Unternehmensund Staatsschulden gehen Ietztlich - sich über Produktions- und Handelsstufen akkumulierend - in die Endverbraucherpreise ein. Da die gesamten Verschuldungen unserer Volkswirtschaft inzwischen bei 7.700 Mrd. DM liegen <siehe Tabelle 1>, ergibt sich bereits bei einem Durchschnittssatz von nur sechs Prozent eine Zinsbelastung von 460 Mrd. DM (daß diese Summe eher zu niedrig ist, zeigen die Zinserträge der Banken, die von der Bundesbank für 1995 mit 499 Mrd. DM ausgewiesen werden!). Umgelegt auf die 35 Millionen bundesdeutscher Haushalte bzw. Erwerbstätigen, errechnet sich aus diesen 460 Mrd. DM für jeden eine anteilige Durchschnittszinslast von rund 13.000 DM. Bezogen auf die durchschnittlichen Ausgaben der Haushalte 1995 in Höhe von 56.400 DM (verfügbares Haushaltseinkommen 64.300 DM abzüglich Ersparnis 7.900 DM) sind das rund 23%.

Allerdings kommen zu diesen 13.000 DM schuldenbezogener Zinsen (von denen knapp 4.000 DM aus den Staatsschulden resultieren) noch die statistisch nicht ausgewiesenen Zinsansprüche des schuldenfreien Sachkapitals einschließlich des Bodens hinzu. Setzt man diese Ansprüche mit nur 10.000 DM ein, dann erhöht sich die gesamte direkte und indirekte Zinsbelastung je Haushalt bzw. Erwerbstätigen auf 23.000 DM und damit auf gut 40% der Haushaltsausgaben. In jeder ausgegebenen Mark stecken also inzwischen rund 40 Pfennig Zinsen!

Natürlich fließt das Gros dieser mit den Ausgaben gezahlten Zinsen auch wieder an private Haushalte zurück. Bei diesem Rückfluß sind aber nicht die Haushaltsausgaben der Verteilungsschlüssel, sondern die wesentlich ungleicher verteilten zinsbringenden Vermögenswerte. Wie extrem unterschiedlich bereits die gesamten Privatvermögen in Deutschland verteilt sind, geht aus <Abb. 9> hervor. Demnach entfallen auf die reichsten 9% der Haushalte 36% der Gesamtvermögen. Allerdings resultiert das Gros dieser in der Grafik ausgewiesenen Vermögenswerte aus privatgenutzten Immobilien, die keine Zinsen einbringen.

Würde man diese unverzinsten Vermögenswerte aus den gesamten Privatvermögen herausnehmen und die Verteilung auf die zinsbringenden Geldanlagen und Betriebsvermögensbestände beschränken, ergäbe sich ein noch viel extremeres Verteilungsbild! Und mit dieser ständig wachsenden Diskrepanz zwischen Arm und Reich nehmen auch die zinsbedingten Umverteilungen der Einkommen zu.

Der in unseren Tagen vieldiskutierte Sozialabbau spielt sich also in Wirklichkeit nicht auf der Bonner Bühne ab, sondern bereits vorher als Folge der hier aufgezeigten Vermögensunterschiede und zinsbedingten Umverteilungen. Für Bund, Länder und Gemeinden verbleibt nur der Versuch, sich zwischen den steigenden eigenen Zinslasten und sinkenden Steuereinnahmen hindurchzulavieren.

... die ökologischen Folgen

Die einzige Rettung aus der Zinsfalle ist für alle Schuldner eine Steigerung der Leistung. Deshalb versuchen auch die verschuldeten Staaten das Wirtschaftswachstum mit allen Mitteln anzukurbeln, da sie sich nur daraus höhere Steuereinnahmen versprechen können. Mit diesem bisher möglichen Wirtschaftswachstum haben sich die Industrieländer in den Nachkriegsjahrzehnten weitgehend der Zinsfalle entziehen können. Diese Leistungssteigerungen aber bleiben schon seit rund 30 Jahren hinter dem exponentiellen Anstieg der Schulden- und Zinslasten immer mehr zurück. Außerdem ist dieser Ausweg über Wachstum auch aus ökologischen Gründen schon lange nicht mehr vertretbar.

Die Politik gerät also in mehrfacher Hinsicht immer mehr in eine Zwickmühle: Sorgt sie nicht für eine kreditäre Rückführung der sich täglich anhäufenden Ersparnisse, entweder über Investitionsförderungen oder eigene Schuldenaufnahme, droht eine deflationäre Rezession. Werden die wuchernden Ersparnisse jedoch über Kredite zurückgeführt, nimmt die Überschuldung weiter zu mit all ihren problematischen sozialen Folgen. Versucht man aber, sich durch weitere Ankurbelung des Wirtschaftswachstums aus der Affärre zu ziehen, beschleunigen sich die ökologischen Katastrophenentwicklungen.

Zu einer Entspannung all dieser immer unlösbarer werdenden Wechselwirkungen könnte es nur kommen, wenn die Zinssätze - und damit die Wachstumsraten der Erspamisse - auf die Raten des Wirtschaftswachstums absinken. Und eine Stabilisierung unserer Wirtschaftsleistung auf dem heute emeichten Niveau, also ein »Nullwachstum«, das alleine der Umwelt eine Chance zur Erholung bieten würde, läßt sich ohne die Gefahr sozialer und ökonomischer Einbrüche nur bei einem Zins um Null realisieren. Nur dann besteht auch die Chance, unterstützt von Ökosteuern und -abgaben, eine zukunftsfähige, nachhaltige oder ökologische Kreislaufwirtschaft konstruktiv und erfolgreich anzugehen.

Ist Schuldenabbau möglich?

Zweifellos können einzelne Kreditnehmer ihre Schulden abbauen, wenn es ihnen gelingt, mit Hilfe der aufgenommenen Schulden ihr Einkommen zu steigern und Rücklagen für die Tilgung zu bilden. Nehmen aber die Schulden rascher zu als die Leistungsfähigkeit, wird dies immer weniger möglich. Das gilt nicht nur für den einzelnen Haushalt, das einzelne Unternehmen oder die einzelne öffentliche Kasse, sondern ebenfalls für jede Volkswirtschaft als Gesamtheit, wenn in ihr die Schulden rascher wachsen als die Wirtschaftsleistung.

Aber auch die Tilgung eines Einzelkredits verringert nicht die Verschuldung in der Gesamtwirtschaft, da die Bank für den zurückgezahlten Betrag umgehend einen neuen Schuldner suchen und finden muß. Dabei ist das nicht nur aus dem Eigeninteresse der Bank erforderlich, sondern auch im Interesse der gesamten Volkswirtschaft. Denn ohne diese erneute Kreditvergabe droht die bereits beschriebene Kreislauf- und Nachfrageunterbrechung mit ihren deflationären Folgen.

Zu einem Rückgang der Gesamtverschuldung können Tilgungen nur dann führen, wenn die zurückgezahlten Gelder in gleicher Höhe von den bisherigen Verleihern selbst für Nachfrage- oder Investitionszwecke eingesetzt würden. Die Mehrzahl der Geldverleiher hat aber keine offenen Nachfragebedürfnisse mehr und wie ihre Ersparnisse zeigen - auch kein Investitionsinteresse. Darum ist der Abbau der Überschuldung oder gar die Verhinderung ihrer weiteren Zunahme unter der gegebenen Herrschaft des zinstragenden Geldes eine Illusion - genau wie die Annahme, man könne im Umfang der Geldvermögens- und Schuldeneskalation das Wirtschaftwachstum aktivieren.

So wie Schulden gleichzeitig mit den Geldguthaben aus Ersparnissen entstehen, so können sie also auch nur gleichzeitig mit diesen Geldguthaben verschwinden. Das aber ist bei den heutigen Größenordnungen der Geldguthaben und -schulden nur noch im Zuge inflatorischer Bestandsvernichtungen und/oder Zusammenbrüchen des gesamten Wirtschafts- und Gesellschaftsgefüges denkbar. Ob mit oder ohne Revolution, Bürgerkrieg oder Krieg, sind solche Zusammenbrüche letztlich nichts anderes als das Ergebnis einer falsch konstruierten Geld- und Währungsordnung, also eines Versagens der vom Staat gesetzten rechtlichen Rahmenordnungen.

Welche Folgen mit solchen gesamtstaatlichen Zusammenbrüchen verbunden sind, haben wir nicht nur bei uns selbst in diesem Jahrhundert zweimal erlebt. Sie lassen sich auch in unseren Tagen in manchen Ländern der Südhalbkugel ebenso studieren wie in einigen Staaten des ehemaligen Ostblocks, einschließlich der Geschehnisse im ehemaligen Jugoslawien. Und der Begriff »Geldreform«, den man für den monetären Neubeginn nach solchen Zusammenbrüchen meist benutzt, ist für die Betroffenen geradezu ein Hohn. Vor allem wenn man bedenkt, daß bei diesem Neubeginn an der Geldordnung gar nichts »reformiert« wird und man aufgrund der unveränderten Fehlstrukturen nach wenigen Jahrzehnten emeut an einem vergleichbaren Abgrund stehen wird.

Angesichts der sich immer deutlicher abzeichnenden nationalen und intemationalen Ver- und Überschuldungsprobleme wäre es allerhöchste Zeit, daß die Wirtschaftswissenschaft aus ihrem Domröschenschlaf erwacht und endlich jenen Schleier lüftet, den sie selbst über das Geldgeschehen gelegt hat. Das gilt vor allem für jenen Schleier, der die Folgen der heute möglichen und sogar als legal betrachteten Geldzurückhaltungen verdeckt. Denn mit diesen spekulativen Zurückhaltungen wird das Geld zum einen seiner Tauschmittelfunktion entzogen und damit der Kreislauf der Wirtschaft gestört bzw. unterbrochen. Zum anderen können über die damit verbundenen Angebotsverknappungen am Kapitalmarkt die Zinsen marktwidrig hoch gehalten und ihre Anpassung an die sich sättigenden Märkte verhindert werden. Das aber führt zu jener sich beschleunigenden Scherenöffnung zwischen monetären und realen Größen, deren Zunahme und Größenordnungen hier beschrieben wurden.

Wilhelm Hankel, einer der wenigen Ökonomen, die sich intensiver mit den konkreten Vorgängen im Geldbereich befassen, hat in seinem Buch John Mavnard Keynes diese Zusammenhänge wenigstens einmal angedeutet bzw. Keynes in einem fiktiven Interview wichtige Einsichten in das Wesen des Geldes in den Mund gelegt:

,,Geld ist... kein produktions- und beschäftigungsneutraler ,,Schleier", sondern die ständig tickende ,,Zeitbombe", die den marktwirtschaftlichen Zusammenhang zwischen gesamtwirtschaftlichem Angebot und gesamtwirtschaftlicher Nachfrage auseinanderreißen kann... Die Doppelrolle des Geldes, als Tauschmittel für den Güterkauf und alternativ dazu als Wertaufbewahrungsmittel für die Vermögensbildung, ist in jeder Marknvirtschaft für Überraschungen gut..."

Um die Verschärfung sozialer Konflikte und gesamtgesellschaftliche Zusammenbrüche zu verhindern, muß darum ,,die tickende Zeitbombe" des Geldes entschärft werden, damit der Weg frei wird für eine Stabilisierung der Wirtschaft bei einem um NuII pendelnden Zinsniveau, bei Nullinflation und ohne Wachstumszwang.

 

Helmut Creutz ist Autor des Buches
<Das Geldsyndrom>, Ullsteintaschenbuch,
ISBN 3-548-35456-4

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