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Beitragsreihe verantwortungsbewusstes Handeln
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Die Natur braucht einen Zins um Null


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Immer häufiger wird von Umweltschützern der Zins als zentraler Angelpunkt der ökologischen Frage genannt. Die These: Der Zins ist der Treibstoff, der den Motor Wirtschaftswachstum am Laufen hält und damit den zerstörerischen Raubbau an der Natur vorantreibt. Nur eine "zinsfreie" Wirtschaft könne die Marktwirtschaft aus dieser verhängnisvollen Entwicklung befreien. Eine Kontroverse.

In der Natur gibt es kein grenzenloses Wachstum. Vielmehr gibt es für jedes natürliche und gesunde Wachstum immer eine optimale Grenze. Nur krankhafte Wachstumsprozesse, wie zum Beispiel bei Tumoren, mißachten diese Regel und zerstören damit sich selbst und den Organismus, in dem sie angesiedelt sind. Bedenkt man, daß sich in den letzten 150 Jahren die Weltbevölkerung verfünffacht hat, die Industrieproduktion jedoch verfünfzigfacht, wird die Bedeutung der ständigen Mehransprüche für die Selbstgefährdung unseres Lebens erkennbar. Es gibt jedoch noch eine zweite Regel, die wir der Natur entnehmen können: Organismen bleiben nur stabil, wenn sich alle ihre Teile mit ihrer Entwicklung am Ganzen orientieren. Das heißt, bei einem Baum müssen die Wurzeln, der Stamm und die Krone im Gleichschritt miteinander wachsen. Wächst dagegen eines der drei genannten Teile alleine weiter, muß der Baum zugrunde gehen.

Das Wachstum in der Wirtschaft

Das reale (also inflationsbereinigte) Bruttosozialprodukt ist in der alten Bundesrepublik von 1950 bis 1995 auf das Sechsfache angestiegen, die Geldvermögen jedoch auf das 23fache. Diese Auseinandersetzung zwischen dem realwirtschaftlichen und dem monetären Bereich, stellt eine Verletzung der eingangs genannten zweiten Wachstumsregel dar, nach der sich alle Teile eines Ganzen im Gleichschritt miteinander entwickeln müssen, wenn der ganze Organismus stabil bleiben soll. Die Verletzung dieser Regel führt nicht nur zu zunehmenden Spannungen innerhalb des wirtschaftlichen Gefüges, sondern hat auch gravierende Folgen für den sozialen wie den ökologischen Bereich.

Die sozialen Folgen der Überansprüche des Geldkapitals

Einen Kuchen kann man nur einmal essen. Wird der zur Verteilung ausstehende Kuchen größer, können alle Anteilsberechtigten auch ein größeres Stück bekommen. Verlangt jedoch einer mehr, bleibt den anderen weniger übrig. Das gilt auch für den Leistungskuchen, den wir jedes Jahr unter uns verteilen können. Beansprucht davon einer der Beteiligten jedes Jahr einen größeren Anteil ohne Rücksicht darauf, ob das Sozialprodukt ausreichend oder überhaupt gewachsen ist, wird der Rest, den die anderen unter sich verteilen können, entsprechend kleiner.

Da der Staat weitgehend nur im Nachhinein zugreift, wird der Wirtschaftskuchen praktisch zwischen Kapital und Arbeit aufgeteilt. Dabei hat das Kapital immer den Erstanspruch, da es ohne dessen Bereitstellung in unserer Wirtschaftsform zu keinen Investitionen und Produktionen kommt. Außerdem liegt der Prozentsatz dieses Erstanspruchs, also der Satz, mit dem es zu verzinsen ist, schon vorher fest. Und dieser festgelegte Prozentsatz muß beim Geldkapital unausweichlich eingehalten werden, weil es sich sonst zurückzieht und die Wirtschaft unter Geldmangel zusammenbricht. Da aber seit Jahrzehnten die Geldvermögen bei uns rascher zunehmen als die Wirtschaftsleistung, beansprucht das Geldkapital von Jahr zu Jahr einen höheren Anteil von dem Leistungskuchen. So mußten 1996 mit jeder Mark Sozialprodukt fast fünfmal so viele Zinsen erwirtschaftet werden wie Anfang der 50er Jahre. Und dieser Anspruch nimmt laufend weiter zu, selbst wenn das Sozialprodukt nur wenig oder gar nicht wächst.

Die Verzinsung der Geldvermögen bewirkt also eine immer größer werdende Verschiebung der Einkommen von den Arbeitenden zu den Besitzenden. Wollen die Arbeitsleistenden nicht ärmer werden, müssen sie versuchen, den Leistungskuchen jedes Jahr größer zu backen, mindestens um den Anteil, den das Geldkapital für seine Verzinsung mehr davon verlangt. Die da zu erforderlichen Leistungssteigerungen sind aber immer weniger möglich. Nicht nur, weil der Arbeitsleistung Grenzen gesetzt sind, sondern vor allem im Hinblick auf die Umweltfolgen.

Die Größenordnung der Umverteilungen

In welchem Umfang die Zinsbelastungen und damit die Einkommensumverteilungen zugenommen haben beweisen folgende Zahlen:

Im Jahr 1950 mußte jeder Arbeitsleistende rund 200 Mark für die Zinsbedienung des Geldkapitals bzw. der Verschuldung erwirtschaften, 1970 waren es bereits 2.100 Mark und 1990 11.800 Mark. Inzwischen (1996) sind diese geldbezogenen Zinslasten je Erwerbstätigen auf rund 16.000 angestiegen. Davon entfällt rund ein Viertel auf die Verschuldung der öffentlichen Haushalte, das Gros jedoch auf die Bedienung der Schulden in der Wirtschaft. Im Verhältnis zu den verfügbaren Einkommen muß heute jeder Erwerbstätige viermal so lange für diese zu erwirtschaftenden Zinsen arbeiten als Anfang der 50er Jahre. Während damals dafür noch drei Wochen reichten, benötigte er 1970 sieben und 1990 bereits elf Wochen. Inzwischen ist es fast ein Vierteljahr.

All diese Zinsleistungen sind überwiegend in den Preisen, Steuern und Gebühren versteckt. Lediglich ein knappes Zehntel für die selbst aufgenommenen Konsumentenschulden wird von den Endverbrauchern direkt aufgebracht. Und da mit den gezahlten Schuldenzinsen die Zinseinkünfte bei jenen steigen, die bereits zuviel Geld hatten und es verleihen konnten, kommt es zu einer weiteren beschleunigten Zunahme und Konzentration der Geldvermögen bei den bereits wohlhabenden Minderheiten.

Aufgrund dieser überproportionalen Entwicklung der Geldvermögen und Schulden fallen die Arbeitseinkommen gegenüber den Zinseinkommen zwangsläufig immer mehr zurück. Schon vor Jahren hat der damalige Gewerkschaftsvorsitzende, Ernst Breit, die Zunahme der "Verschämten Armut" wie des "unverschämten Reichtums" beklagt, wenn auch ohne Benennung der Ursachen. Auch der Sozialsenator der Stadt Hamburg, Ortwin Runde, stellte vor drei Jahren die Überzunahme der Sozialhilfeempfänger wie der Millionäre in seiner Stadt fest. Wenn diese Diskrepanzzunahme zwischen Arm und Reich nicht abzubremsen sei, so meinte er weiter, würden uns bald lateinamerikanische Verhältnisse drohen.

Die Folgen für die Umwelt:

"Da mit dieser Scherenöffnung zwischen Vermögen und Leistung, Arm und Reich die Spannungen zunehmen, ergibt sich für die Politik ein mehrfaches Dilemma: Führt man die Geldvermögenszuwächse aus Zinsen, inzwischen schon mehr als eine Milliarde Mark täglich, nicht über Kreditausweitungen wieder in die Wirtschaft zurück, kommt es zu der bereits erwähnten deflationären Rezession. Weitet man jedoch die Verschuldung in Wirtschaft und Gesellschaft jeden Tag in diesem Rahmen aus, führt das zu einer immer größeren Überschuldung mit weiter steigenden Einkommensumschichtungen und damit zum sozialen Kollaps. Versucht man dieser Zwickmühle durch ein immer größeres Wirtschaftswachstum zu entkommen, droht uns der ökologische Zusammenbruch. Da man jedoch den sozialen Kollaps mehr fürchtet als jenen der Natur (die sterbenden Bäume haben bei den Wahlen keine Stimme! ), macht man vor den Folgen in der Umwelt die Augen zu und setzt auf weiteres Wachstum.

Aus unserer Geldordnung resultiert also nicht nur ein Zwang zur Überschuldung, sondern ebenso ein Zwang zu dauerndem Wirtschaftswachstum. Dieser Wachstumstrend «wird von den Politikern jedoch nicht nur unterstützt, um die sozialen Spannungen noch eine Weile tragbarer zu halten, sondern auch um die laufend größer werdenden Zinsbelastungen des Staates erträglicher zu machen. Der größte Zwang zum Wachstum ergibt sich jedoch für alle Verschuldeten. Gleichgültig ob Privatmann , Unternehmen oder Staat: Sie alle haben immer nur die Wahl zwischen Leistungssteigerung oder Gürtel-enger-schnallen, bis hin zum Offenbarungseid. Da alle die zweite Alternative fürchten, versucht jeder den Wachstumsweg zu gehen.

Die Ursache unserer vielschichtigen Probleme und Problemzunahmen ist also nicht nachlassendes Wirtschaftswachstum (wie Politiker und Wirtschaftswissenschaftler immer wieder behaupten), sondern der Tatbestand. daß die Zinssätze - und damit die Wachstumsraten der Geldvermögen und Schulden - nicht mit der Wirtschaftsleistung absinken.

Fazit

Wenn wir eine weitere Zunahme der Probleme verhindern und eine nachhaltige oder zukunftsfähige Wirtschaftsweise erreichen wollen, kommen wir um eine Befassung mit unserer Geldordnung nicht herum. Denn ohne Korrektur ihrer Fehlstrukturen werden die sozialen Spannungen weiter zunehmen. Und solange diese zunehmen, besteht keine Hoffnung auf Überwindung des Wachstumswahns, der uns heute täglich mehr in den ökologischen Kollaps treibt.

Erst wenn die Zinsen (und damit das Wachstum der Geldvermögen und Schulden) in gesättigten Volkswirtschaften auf die Wachstumsrate der Wirtschaft absinken, kann es zu einer sozialen Entspannung kommen. Und eine wachstumsfreie Wirtschaft, also eine ökologische Kreislaufwirtschaft ohne ökonomische und soziale Krisen, ist nur bei einem Zins um Null zu realisieren. Nur dann erhält auch die Umwelt - und mit ihr letztendlich die Menschheit eine Überlebenschance.

 

Helmut Creutz ist Autor des Buches
<
Das Geldsyndrom>, Ullsteintaschenbuch,
ISBN 3-548-35456-4

 

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