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Beitragsreihe verantwortungsbewusstes Handeln
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H   E   L   M   U  T      C   R  E  U  T  Z

 

Gedanken zur Lösung - Alternative Modelle

aus

<Das Geldsyndrom>, Kap. 29
ISBN 3-548-35456-4

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„Eine ethische Besserung des Menschen kann die Schäden der Ordnung nicht beseitigen. (...)
Die Gesamtordnung sollte so sein, daß sie den Menschen das Leben nach ethischen Prinzipien ermöglicht.“

Walter Eucken, (Nationalökonom, in "Grundsätze der Wirtschaftspolitik“)

 

Muß sich der Mensch ändern? Wenn von Ausbeutung und Gewalt, von Umweltzerstörung und Kriegen die Rede ist, dann wird sehr oft zur Überwindung dieser Problemerscheinungen eine Änderung des Menschen gefordert. Diese Forderung ist in Einzelfällen sicher häufig berechtigt, aber im Hinblick auf die Gesamtheit aller Menschen wirklichkeitsfern. Auch der Kommunismus hat von einem anderen Menschen geträumt, ohne daß die 70jährige Umerziehung in der ehemaligen UdSSR zu entsprechenden Erfolgen geführt hätte. Selbst die christlichen Kirchen haben dieses Ziel in 2000 Jahren nicht erreicht. Im Gegenteil: Mißt man die heutigen Kirchen und Christen an jenen der ersten Jahrhunderte, dann ist eher eine moralischethische Rückentwicklung festzustellen.

Der Mensch ist eben nur sehr schwer zu ändern, wohl aber kann man sein Bewußtsein durch Informationen erweitern. Im übrigen ist es immer eine Anmaßung, wenn jemand zu wissen glaubt, wohin sich andere Menschen entwickeln sollen. Aber die Erfahrung lehrt, daß Rücksichtslosigkeit und Gewalt im menschlichen Zusammenleben um so mehr schwinden, je gerechter die Strukturen einer Gesellschaft sind. Umgekehrt nehmen Rücksichtslosigkeit und Gewalt mit der Verschlechterung wirtschaftlicher und sozialer Bedingungen zu. Wenn heute also in vielen Ländern die Menschen aggressiver und gewalttätiger werden und schließlich sogar aufeinander schießen, ist das nicht die Folge einer moralischen Verrohung der Menschen. Es ist vielmehr meist die Folge schlechter gewordener wirtschaftlicher Rahmenbedingungen, die Folge von Arbeitslosigkeit und sozialen Spannungen. Man muß also bei allen Problementwicklungen untersuchen, ob sie auf menschliches Fehlverhalten zurückzuführen sind oder auf sachbezogene Fehlstrukturen. Häufen sich z. B. auf einer Kreuzung die Unfälle, dann kann das sowohl auf leichtfertiges Fahrverhalten zurückzuführen sein wie auf einen Fehler in der Ampelschaltung. Im ersten Fall müßte man auf die Menschen einwirken und versuchen, sie mit moralischen Appellen umzuerziehen. Im zweiten Fall ist jeder Appell an die Verkehrsteilnehmer überflüssig, um so wirkungsvoller aber eine Korrektur der fehlerhaften Ampelsteuerung. Das heißt, sachbezogene Fehler bedürfen auch sachbezogener Korrekturen. Falsch ist es auch, den Eigennutz des Menschen als verwerflich anzuklagen. Denn in einer wirklich freien Marktwirtschaft kann jeder seinen Eigennutz nur verwirklichen, wenn sein Tun gleichzeitig einem anderen nützt. Schon Proudhon hat diese Gegenseitigkeit als Voraussetzung der Gerechtigkeit bezeichnet. So wie die christlichen Kirchen die Eigenliebe als Maßstab für die Nächstenliebe, sollten wir also den Eigennutzen als Maßstab für den Nächstennutzen akzeptieren. Sicherlich gibt es immer Menschen, deren moralisch-ethisches Verhalten auch in Extremsituationen vorbildlich bleibt und die dem Unrecht oder der Gewalt selbst auf Kosten ihres Lebens widerstehen. Abgesehen davon, daß sich die Zahl dieser Menschen auch über die Jahrhunderte hinweg kaum verändert hat, ist es immer sinn- und wirkungsvoller, der Entstehung solcher Extremsituationen durch entsprechende Ordnungs- und Strukturverbesserungen entgegenzuwirken,wie das Walter Eucken im Eingangszitat dieses Kapitels zum Ausdruck bringt.

Wie können die weltweit eskalierenden Spekulationen eingedämmt werden?

Auch die weltweit zunehmenden Spekulationen mit Geld sind nicht auf eine Veränderung des Menschen zurückzuführen, sondern auf jene monetären Fehlstrukturen, die heute bei Minderheiten zu immer größeren Vermögenskonzentrationen führen. Außerdem auf falsch verstandene Vorstellungen freiheitlichen Kapitalverkehrs. Die Vermögenskonzentrationen würden zwar mit sinkenden Zinsen langsamer als bisher wachsen. Andererseits ist jedoch zu befürchten, daß bei sinkenden Zinsen noch mehr Überschußmilliarden in die Spekulation abwandern werden. Darum kommt man nicht daran vorbei, neben einer Umlaufsicherung auch dem spekulativen Mißbrauch des freien Kapitalverkehrs Einhalt zu gebieten. Einzudämmen ist dieser Mißbrauch auf eine einfache Weise: Man braucht nur jede Transaktion mit einer Gebühr zu belegen, deren Höhe kurzfristige Gewinnmöglichkeiten übersteigt. Für langfristige Anleger wären solche Gebühren kein Hinderungsgrund zum Einsatz ihrer Mittel, da sie mit der Länge der Anlagezeit immer bedeutungsloser werden. Mit einer solchen Spekulationsgabe auf die geldbezogenen Transaktionen würden die Anleger in längerfristige Engagements gedrängt, was nach den Gesetzen des Marktes auf die Zinshöhe drückt. Und da eine Geldzurückhaltung ebenfalls mit Gebühren belastet ist, fällt die Möglichkeit weg, durch Geldrückzug vom Markt die Kreditnehmer weiterhin zu höheren Zinszahlungen zu zwingen.

Was ist gegen eine Flucht in Gold, Boden oder Sachkapitalien zu tun?

Ein spekulatives Umsteigen aus der Geldhaltung in Gold, Kunstwerke, Antiquitäten o. ä. ist für die Wirtschaft ohne alle Folgen. Hier findet immer nur ein Austausch von Geld gegen Güter statt, der das Geld in Umlauf hält. Spekulationsgewinne und -verluste treffen dabei immer nur die Spekulanten untereinander. Bezogen auf die Kunst würden solche Spekulationen sogar positiv sein, da auch lebende Künstler davon profitieren. Vor allem aber kann mit Gold oder Kunstwerken, im Gegensatz zum Geld, niemand mehr zum Zinszahlen erpreßt werden. Und zusätzliche Geldanlagen in wirtschaftlichen Sachgütern, mit denen man die Geldhaltekosten zu umgehen versucht, sind sogar erwünscht, weil deren Vermehrung zusätzlich auf die Zinsen und Renditen drückt. Anders ist das nur beim unvermehrbaren Boden:

Da alles Wirtschaften auf Boden angewiesen ist, schlagen Bodenspekulationen auf alle Preise durch. Ganz besonders wird dadurch das Wohnen verteuert. Die Bodenspekulation muß also unterbunden werden. Diese notwendige Reform des Bodenrechtes ergibt sich schon aus dem Tatbestand, daß der Boden - wie Licht, Luft und Wasser - ein Geschenk der Natur und kein vom Menschen produziertes Gut ist. Auf diese naturgegebenen Güter aber haben alle Menschen gleichermaßen Anspruch. Das heutige private Eigentumsrecht an Boden muß darum langfristig wieder in ein privates Nutzungsrecht zurückverwandelt werden. Ein solches Nutzungsrecht ist in verschiedenen Regionen der Welt noch heute gültig und war auch bei uns bis ins späte Mittelalter die Regel. Das heißt, Boden darf nur als Lehen, in langfristigen Nutzungs- und Erbbauverträgen vergeben werden. Die daraus resultierende Pacht steht allen Menschen gleichermaßen zu. Privateigentum am Boden ist im Prinzip genauso absurd wie Privateigentum an Luft oder Wasser. Um die Flucht des Geldes in die Bodenspekulation zu unterbinden, müßte mit der Geldrechtsreform also auch eine Reform des Bodenrechts verbunden werden. Hierfür gibt es eine ganze Reihe praktikabler Modelle, die an dieser Stelle nicht weiter erörtert werden sollen. (Konstruktives und umfassendes Informationsmaterial zu diesem Thema wurde in jüngster Zeit vom ,Seminar für freiheitliche Ordnung" in Bad Boll ausgearbeitet, einschließlich entsprechender Merkblätter für Kommunen und Erbpacht-Musterverträgen, die dort angefordert werden können.) Erster Schritt in diese Richtung wäre ein grundsätzliches Verbot des Verkaufs von Boden, der sich noch in öffentlichem Besitz befindet. Dieser Boden darf nur noch in Erbpacht abgegeben werden. Außerdem sind die meist vorhandenen Vorkaufsrechte der Gemeinden stärker auszuschöpfen, eventuell durch entsprechende Zweckbindung bestimmter Einnahmen, z. B. aus Bodenhortungs- und Bodenwert-Zuwachssteuern. Weiterhin sollten unbebaute Wohn- und Gewerbegrundstücke wie bebaute besteuert werden, was spekulative Bodenhaltung und Baulücken reduzieren, auf die Bodenpreise drücken und den Rückkauf für die Gemeinden erleichtern würde. Welche Erleichterungen für die Bürger mit einer anderen Bodenpolitik verbunden wären, läßt sich am Beispiel Zürich erahnen: Hätten die dortigen Stadtväter das Gebiet der früheren Wallanlagen im vorigen Jahrhundert nicht verkauft, könnten heute mit den Pachteinnahmen aus diesen Grundstücken die gesamten öffentlichen Kosten der Stadt bestritten werden.

Was ist mit der Kapitalflucht bei niedrigen Zinsen?

Wenn jemand eine Produktionsanlage ins Ausland schafft und dort weiter produziert, liegt zweifelsfrei eine ,Kapitalflucht" vor:

Das Ausland hat einen Gewinn, der nicht nur das verlagerte Sachkapital umfaßt, sondern auch die damit produzierten Güter. Das Inland hat einen entsprechenden Verlust. Wenn jemand einen Koffer voll Geld ins Ausland schafft und dort einschließt, ist das nichts anderes als eine Hortung im Inland. Will er mit dem Geld im Ausland etwas anfangen, dann muß er es zuerst eintauschen. Das heißt, wenn ein deutscher ,Kapitalflüchtling" z. B. seine Ersparnisse in den USA anlegen möchte, braucht er einen Tauschpartner, der ihm für die DM Dollar gibt. Ganz gleich, ob dieser Tauschvorgang direkt abläuft oder über eine Bank, ob in bar oder über eine Guthabenübertragung -, es findet immer nur ein Tausch statt: Der Deutsche hat statt der DM nun Dollar oder Dollarguthaben in der Hand, der Tauschpartner statt der Dollar DM. Und so wie der Deutsche nun seine Dollar in den USA anlegen oder ausgeben kann, so der Amerikaner seine DM letztlich nur in Deutschland. Das heißt, es wurden nur die Verfügungsrechte ausgetauscht. Die DM- oder Dollarbestände bleiben - im Gegensatz zu der Produktionsanlage -jeweils in ihrem Wirtschaftsraum. Es gibt also im Geldbereich keine ,Kapitalflucht", die im Inland zu Verlusten oder Engpässen führen kann. Schon gar nicht ist von Kapitalflucht zu reden, wenn deutsche Geldbesitzer ihre DM in Luxemburg oder sonstwo einzahlen. Denn dieses Geld steht der deutschen Wirtschaft schon am nächsten Tag wieder zur Verfügung, oft mit den Original-Banderolen der Bundesbank, mit denen es zu Hause abgehoben wurde. Es gibt allenfalls verstärkte Nachfrage nach anderen Währungen. Steht dieser Nachfrage kein entsprechendes Tauschinteresse gegenüber, steigt der Preis für die andere Währung, und die Übernachfrage bremst sich selbst ab. Das ist auch der Fall, wenn unterschiedliche Zinsniveaus der Anlaß zum Währungstausch sind. Zu Schieflagen kann es nur dann kommen, wenn die Wechselkurse nicht mehr den Marktgesetzen unterliegen bzw. von Spekulationsmassen überrollt werden und man gegen solche Mißbräuche des freien Kapitalverkehrs nichts unternimmt.

Läßt sich das Geldproblem mit privatem Alternativgeld oder Verrechnungsringen lösen?

Erkennt man ein Problem, so ist es naheliegend, es durch eigene Aktivitäten überwinden zu wollen. Dabei kann man seine Aktivitäten meist zweigleisig ansetzen: durch Aufklärung anderer bzw. politische Aktionen und durch Veränderung des eigenen Verhaltens. Diese Zweigleisigkeit ist z. B. im Bereich der Landwirtschaft, der Ernährung, des Straßenverkehrs, des Müllanfalls oder des Energieverbrauchs möglich. Anders ist das bei Einrichtungen, die alleine in den Händen des Staates liegen, wie beispielsweise der Bahnbetrieb, das Militär oder die Währung. Hier kann der einzelne nur durch Nutzungsverweigerung und Aufklärung aktiv werden. Eine Verweigerung der Geldbenutzung ist für den einzelnen sicher theoretisch möglich, jedoch kaum in der Praxis. Manche streben darum an, mit einem Kreis von Gleichgesinnten wenigstens teilweise aus der Geldnutzung auszusteigen, z. B. durch geldlose Gegenleistungen, Naturaltausch oder Verrechnungsringe. Selbst wenn ein solches Modell mit ein paar tausend oder zehntausend Menschen zustande kommt, ist es zur Veränderung der geldbezogenen Struckturprobleme ähnlich wirkungslos wie der Versuch, durch Stumpfmachen aller Haushaltsmesser die Überrüstung abzubauen. Sicher gibt es in der Welt Verrechnungsringe, auch BarterClubs genannt, die funktionieren und sogar wirtschaftlich sind. Aber das sind immer solche, die mit relativ großen Einzelumsätzen arbeiten, also für industrielle oder zumindest gewerbliche Unternehmen tätig werden. Für Privathaushalte mit geringen Ausgabeposten sind solche Ringe zwangsläufig mit Verlusten verbunden, bedingt durch weite Einkaufswege, unzureichende Angebote und erschwerte Informationen. Auch auf kommunaler oder regionaler Ebene organisierte Verrechnungsringe können allenfalls in abgelegenen, relativ autarken Gegenden praktikabel sein. In unseren dichtbesiedelten Regionen mit ihren vielfältigen Lieferverflechtungen über weite Räume kämen solche Modelle nur schwer in Gang. Und Modelle a la Wörgl, mit einem eigenen Gemeindegeld, würden - vom geltenden Recht abgesehen - am Unverständnis der Notenbanken heute sicher ebenso scheitern wie damals. Es geht also kaum ein Weg daran vorbei, ähnlich wie bei Fragen der Rüstung oder der Atomenergie, auch beim Geld die Verantwortlichen für eine Korrektur der bisherigen Verhältnisse zu gewinnen. Als Voraussetzung dafür müssen aber zuerst einmal genügend Informationen über die Gegebenheiten vermittelt und ein breites Problembewußtsein geschaffen werden.

Was ist mit den Zinsen bei Verrechnungsringen und anderen Alternativmodellen?

Unser Geld ist als Tauschmittel und Verrechnungseinheit durch nichts Besseres zu ersetzen. Verrechnungsringe können darum nur über zinsgünstigere Kredite Vorteile bieten. Einen solchen Kredit (richtig: Warenkredit!) erhält praktisch jeder, der - ohne vorher eine Leistung eingebracht zu haben - in einem Verrechnungsring Leistungen von anderen bezieht. Der Vorteil, den der Nachfrager auf Kredit in diesem Fall hat, schlägt als Nachteil für den Leistenden zu Buche: Er hat geliefert ohne Gegenleistung und erhält für diesen gewährten Warenkredit bzw. das damit erworbene Guthaben keine Zinsen. Auch wenn Verrechnungsringe aus den sich ansammelnden Guthabenbeständen zinsgünstige oder zinslose Kaufkredite an andere Teilnehmer gewähren, geht deren Vorteil zu Lasten der Guthabenbesitzer. Konkret: Verrechnungsringe sind für Kreditnehmer und Guthaben-Überzieher vorteilhaft, für Vorleistende und Guthabenbesitzer von Nachteil. Anders ausgedrückt: Notorische Käufer auf Kredit werden von den Leistungserbringern alimentiert. Im Prinzip nicht anders geht es in dem wahrscheinlich weltweit ältesten Barter-Club zu, dem WIR Verrechnungsring in der Schweiz. Bereits 1934 in der großen Rezession gegründet, hat er inzwischen über 60000 Mitglieder aus Handwerk und Gewerbe. Vor allem aufgrund der allgemein hohen Zinsen in den letzten Jahren hat der WIR-Ring einen großen Zulauf. Die Kreditbedingungen, nämlich Hypothekenzinsen von 1 3/4 und Kontokorrentzinsen von 2 1/2 bis 3 1/2 Prozent, sind auch allzu verlockend. Natürlich sind diese Konditionen wiederum nur möglich, weil die Leistungserbringer für ihre Guthaben keine Zinsen erhalten. Und auf diesen Guthaben bleiben sie um so länger sitzen, je mehr andere WIR-Geschäftspartner ihre Bedürfnisse durch Kreditkäufe abgedeckt haben und damit deren Motivation zur Gegenleistung nachläßt. Diese Guthabenansammlungen wiederum ermöglichen dem WIR-Ring, das Kreditvolumen zu erweitern bzw. Kreditgewährungen zu verlängern. Der Zinsverlust der Leistenden ist aber nur einer der Nachteile. Je mehr WIR-Guthaben sich bei ihnen ansammeln, um so illiquider werden sie. Denn Löhne oder Steuern können sie damit nicht bezahlen, und trotz der großen Mitgliederzahlen ist oft nicht das zu erhalten, was man braucht. Diese Illiquidität wird dann zunehmend zur Falle: Ein Umtausch gegen Schweizer Franken ist im WIR-Ring nicht möglich, ein offener Verkauf der WIR-Guthaben nach der Satzung nicht erlaubt. Als Ausweg werden WIR-Guthaben oft in den Tageszeitungen unter Chiffre mit großen Abschlägen angeboten. ,Marktüblich sind zur Zeit Einschläge von bis zu 30 Prozent bei Verkauf gegen Franken", berichtete die ,Berner Zeitung" am 11.9.1992. - Der Vorteil niedriger Zinsen für die Kreditnehmer wird also am Ende der Kette, meist von den Schwächsten, teuer bezahlt. Ähnliche Probleme ergeben sich auch bei privaten Unterstützungsgemeinschaften, die z. B. einem Öko-Bauern zinslosen Kredit gewähren. In diesem Fall erhält der Öko-Bauer einen Vorteil auf Kosten der unterstützenden Geldgeber, die auf Zinsen, die sie sonst bei der Bank erhalten würden, verzichten. Dieses an und für sich positive Tun der Geldgeber ist jedoch innerhalb eines ansonsten unveränderten Systems mit fragwürdigen Nebenwirkungen verbunden. Da kaum alle Öko-Bauern in den Genuß solch zinsloser Kredite kommen, ergeben sich erhebliche Wettbewerbsverzerrungen: Entweder kann der geförderte Öko-Bauer bei vergleichbaren Preisen höhere Gewinne als seine Mitbewerber erzielen, oder er kann sie preislich unterbieten und damit vom Markt verdrängen, was sicher nicht im Interesse der Sache ist.

Sind alternative Banken eine Lösung?

Sieht man von der Bankmarge ab, verleihen alle kreditvergebenden Banken Geld in dem Umfang zinsbelastet, wie sie den Geldgebern Zinsen zahlen müssen. Mit niedrigeren Zinsen können Banken also nur in dem Maß Kredite vergeben, wie die Geldgeber auf Zinsen verzichten. Auch hier resultiert also der Vorteil des Kreditnehmers aus einem Verzicht des Sparers. Nur wenn ,morgen" alle Sparer auf Zinsen verzichten würden, käme ihnen allen der Zinsverzicht in Form sinkender Preise auch wieder zugute. Untersucht man die Gegebenheiten bei den alternativen Banken, dann stellt man fest, daß die Bereitschaft zur zinslosen Hergabe von Geld auch bei dieser aufgeschlossenen Sparerkundschaft äußerst gering ist. Selbst bei der anthroposophischen GLS-Bank in Bochum sind zinsverzichtende Geldgeber nur eine Minderheit. Die Öko-Bank in Frankfurt muß sogar weitgehend normale Guthabenzinsen zahlen, um an Einlagen zu kommen. Das spiegelt sich entsprechend auch in den Kreditzinssätzen wider. Die ÖkoBank hat sogar seit langem Schwierigkeiten, einige tausend Idealisten zu finden, die bereit sind, mit einigen hundert Mark das unverzinste Eigenkapital der Bank weiter aufzustocken. Dabei hatte die Öko-Bank mit einer Bilanzsumme von 140 Millionen im Jahr 1991 erst ein 37000stel (= 0,0027 % !) des gesamten Geschäftsvolumens aller bundesdeutschen Banken erreicht. Bei den Krediten sah es noch schlechter aus. Hier lag der Anteil bei einem 81 000stel bzw. 0,0012 Prozent. Das heißt, von 81.000 Mark, die 1991 in der Bundesrepublik als Bankkredite vergeben wurden, stammte eine Mark aus der Öko-Bank! Ein Vorteil der alternativen Banken ist, daß die Sparer über die Kreditvergabe in bestimmte Förderungsbereiche mitentscheiden können, manchmal sogar objektbezogen. Aber auch auf diese Weise kommt es nur bedingt zu zusätzlichen Förderungen. Denn die Kreditvergabekriterien der Öko-Bank, vor allem bezüglich der Risiko-Absicherung, entsprechen jenen aller Banken. Das heißt, die Kreditnehmer der Öko-Bank würden in der Mehrzahl aller Fälle auch bei ihren heimischen Kreditinstituten Geld zu ähnlichen Konditionen erhalten. Bestimmte positive Förderungsbereiche, die sich sonst im Gros der Bankengeschäfte ,verlieren", werden durch die Alternativbanken also nur sichtbarer zusammengefaßt. Die Masse der übrigen Kredite, ob für die Rüstung oder für andere Industriebereiche, wird durch diese Konzentration nicht reduziert. Dasselbe gibt übrigens genauso für die ,Ethik-Fonds" oder ,Grünen Fonds", die heute schon im Ausland angeboten werden. An eine Überwindung der Zinsproblematik ist also mit Hilfe der alternativen Banken nicht zu denken. Und auch von der Größenordnung her läßt sich unser Geldsystem über diesen Weg nicht aushebeln. Selbst dann nicht, wenn sich diese alternativen Banken ,morgen" verhundertfachen würden: Sie hätten dann gerade ein gutes Tausendstel des gesamten Kreditvolumens in der Hand. Ähnlich wie sich niemand an seinen eigenen Haaren aus dem Sumpf ziehen kann, gibt es auch keinen ,Trick", mit dem man sich innerhalb des gegebenen Systems dem Zinsproblem entziehen könnte, es sei denn auf Kosten anderer. Wohl aber können die Menschen mit Hilfe solcher Tauschring- und Alternativbank-Modelle und der Diskussion darüber problembewußter und sachkundiger werden. Insoweit ist die Beschäftigung damit ebenso von Nutzen wie eine Betätigung in diesen Einrichtungen.

Kann eine europäische Währung weiterhelfen?

Wenn eine Sache in überschaubarer Größenordnung nicht funktioniert, kann eine Vergrößerung derselben kaum bessere Ergebnisse bringen. Auch wenn man kranke und gesunde Währungen in ein starres System zusammenpackt, ist das nicht anders als bei faulen und gesunden Äpfeln: Die faulen werden nicht gesund, wohl aber die gesunden krank. Im Maastrichter Vertrag sind zwar Kriterien festgeschrieben, die jedes eintretende Land erfüllen muß, die aber keinesfalls bedeuten, daß nur Länder mit gesunden Währungen in die Gemeinschaft kommen. Es kommt vielmehr zu einer Vereinigung mehr oder weniger kranker Währungen, wobei die Höchstgrenze der Erkrankung vom Krankheitsgrad der weniger Kranken abhängig ist. Auch die Übernahme der Bundesbank-Modelle für die europäische Zentralbank ist keine Garantie für Stabilität, wie die Inflationsquoten in Deutschland zeigen. Selbst wenn dieser ,Geleitzug" von mehr oder minder instabilen Währungen im vorgesehenen Stichjahr 1997 bzw. 1999 relativ dicht aufgeschlossen fährt, sagt das gar nichts über die weitere Entwicklung aus. Vor allem sagt es nichts über die Vergleichbarkeit der Wirtschaftsleistungen, die hinter den Währungen stehen. Auch ein Land mit schwacher Wirtschaftsleistung kann ein relativ stabiles Geld haben und ohne Schwierigkeiten mit allen anderen Ländern Handel treiben, solange der Wechselkurs halbwegs den Kaufkraftparitäten entspricht. Wird aber Ländern unterschiedlicher Leistungsfähigkeit eine gemeinsame Währung übergestülpt, kommt es zu einem Desaster. Die DM-Einführung in den ostdeutschen Ländern sollte uns eine Warnung sein. Im übrigen könnte die Einführung einer einheitlichen Verständigungssprache in Europa viel schneller, wirkungsvoller und problemloser Gemeinsamkeiten zwischen den Ländern schaffen als eine einheitliche Währung, deren ,Haupterfolg" eine nochmalige Steigerung des Verkehrs und eines fragwürdigen Wirtschaftswachstums sein wird. Weiterhelfen könnte uns eine europäische Währung jedoch dann, wenn bei ihr jene Fehler ausgemerzt würden, die unser Geld - nach Wilhelm Hankel - auch heute immer noch zu einer ,tickenden Zeitbombe" machen.

Erfüllt die Inflation nicht denselben Dienst wie Geldnutzungsgebühren bzw. Geldhaltekosten?

Häufig wird der Einwand gemacht, eine Geldhalte- oder Geldnutzungsgebühr von fünf Prozent sei in der Wirkung nichts anderes als eine dosierte Inflation in entsprechender Höhe. Beide würden das Geld gleichermaßen in Bewegung bringen. Letzteres trifft natürlich zu. Trotzdem gibt es wesentliche Unterschiede zwischen beiden Umlaufsicherungen, sowohl in ihrer Wirkung wie vor allem in ihren Folgen.- Geldhaltekosten beziehen sich nur auf die Nachfragemittel. Eine Inflation wirkt sich als Substanzverlust auch auf die vielmals größeren Geldvermögen aus.- Geldhaltekosten treiben überschüssiges Geld in die Banken und vergrößern das Kreditangebot. Inflation treibt überschüssiges Geld in den Konsum oder zu Fehlinvestitionen und heizt das Wirtschaftswachstum an.- Geldhaltekosten bewirken eine Stabilisierung der Geldkaufkraft und damit des Preisniveaus. Inflation bewirkt ständige Preisveränderungen und Irritationen im Gefüge aller Geldbeziehungen und -verrechnungen.- Geldhaltekosten ermöglichen nicht nur Kaufkraftstabilität, sondern drücken nach und nach die Zinsen gegen Null. Inflation treibt die Zinsen hoch und damit deren negative Folgen.- Geldhaltekosten in Höhe von fünf Prozent belasten die Wirtschaftsteilnehmer in der Bundesrepublik mit etwa 30 Mrd. DM im Jahr. Um fünf Prozent erhöhte Zinsen, als Folge einer gleich hohen Inflation, bewirken eine Zusatzbelastung der Wirtschaft von rund 200 Mrd. DM.- Geldhaltekosten fließen vor allem aus den Kassen der großen Geldbenutzer in die des Staates und kommen der Allgemeinheit zu. Die vielmals höheren Inflations- und Zinskosten müssen von der Allgemeinheit getragen werden und kommen privaten Minderheiten zugute.- Geldhaltekosten können mit einer festen Größe eingeplant und erhoben werden. Inflationen in einer festen Größe lassen sich, wie die Erfahrung lehrt, nicht erreichen, es sei denn durch eine konstruktive Umlaufsicherung, aber dann brauchen wir die Inflation nicht mehr. Sicher kann man die negativen Folgen der Inflation durch eine ständige indexierte Anhebung aller Preise, Löhne, Steuern, Geldguthaben und Verbindlichkeiten weitgehend ausgleichen. Das alles erfordert aber nicht nur einen ungeheuren Arbeitsaufwand, sondern diese Maßnahmen sind in der Praxis kaum zu koordinieren und zu kontrollieren. Wie die Erfahrung zeigt, haben solche Indexierungen außerdem einen Trend zu inflationären Selbstbeschleunigungen. Die Erhebung von Durchhaltekosten auf das Geld betrifft dagegen nur zwei relativ geringe Bestandsgrößen. Außerdem sind diese Größen leicht zu kontrollieren, und die praktische Handhabung des Einzugs ist wesentlich einfacher als z. B. die der Zinsabschlagssteuer.

Was ist mit unserer Wirtschaftsordnung?

So wie wir jahrzehntelang die Begriffe Planwirtschaft und Sozialismus verwechselt oder als Einheit gesehen haben, so ist das auch bei Marktwirtschaft und Kapitalismus der Fall. Dabei haben beide Begriffe gar nichts miteinander zu tun. Marktwirtschaft ist eine Wirtschaftsordnung bei der - im Gegensatz zur Planwirtschaft - alle wirtschaftlichen Vorgänge, also Produktionen, Preise und Austauschbedingungen, von den Interessen der nachfragenden und anbietenden Menschen bestimmt werden. Marktwirtschaften sind also sich selbst steuernde Regelkreise, die zum Ausgleich hintendieren. Sofern ein Mißbrauch durch Monopole sowie ungerechte Rahmenstrukturen durch den Staat unterbunden werden (siehe Geld- und Bodenordnung), stellen Marktwirtschaften das gerechteste und effektivste System der Güterversorgung dar. Kapitalismus dagegen ist ein System, in dem die Interessen des Kapitals die Wirtschaft bestimmen. Alle Produktions- und Dienstleistungen, so notwendig und sinnvoll sie auch sein mögen, kommen immer nur zustande, wenn vorweg die Kapitalbelohnung (Zins/Rendite) abgesichert ist. Und da die Höhe der Belohnung vom Geldzins ausgeht und ein Fallen des Geldzinses durch Geldverknappung verhindert wird, kann man den Zins als ,legalisierte Schutzgelderpressung" bezeichnen. Denn so wie die Mafia die Existenz der ,Beschützten" mit der Demolierung des Unternehmens bedroht, so das Kapital durch Entzug des Geldes. Auch die oft gebrauchten Begriffskombinationen ,freie" oder ,soziale Marktwirtschaft" sind ein Etikettenschwindel. Denn wirklich freie Märkte haben wir in unserer Zeit noch nirgendwo gehabt, sondern immer nur kapitalistisch und staatlich verfälschte. Und die sogenannte soziale Marktwirtschaft ist im wesentlichen nur der Versuch, die schlimmsten Auswirkungen des Kapitalismus durch staatlich organisierte Rücktransfers etwas abzumildern, was jedoch angesichts des Überwachstums der Kapitalansprüche immer weniger möglich ist. Der ebenfalls für unsere heutige Wirtschaft ab und zu benutzte Terminus ,kapitalistische Marktwirtschaft" ist ein totaler Widerspruch in sich, da sich Märkte und Monopole (und das Geld ist heute das beherrschendste Monopol!) so wenig vertragen wie Feuer und Wasser. Solange wir also die Vorherrschaft des Geldes nicht überwinden, können wir weder von einer freien noch von einer sozialen Marktwirtschaft reden. Und schon gar nicht kann eine solche vom Geldkapital beherrschte und mit zunehmenden Zinstransfers belastete Wirtschaft eine störungsfreie sein. Im Gegenteil: Sie muß aus Gründen einfacher mathematischer Gesetzmäßigkeiten in Selbstzerstörungen enden. Eine krisenfreie Marktwirtschaft ist darum ohne Korrektur der Fehlstrukturen unseres Geldsystems nicht erreichbar. Vielleicht ist die Zeit gekommen, sich zur Lösung der Probleme auch mit den Gedanken von Außenseitern zu befassen. Selbst der bereits zitierte Direktor der Pariser Rothschildbank, Esambert, beklagte die Ratlosigkeit der Ökonomen und der Finanzwirtschaft und erwartet eine Wende ,nicht von Politikern und Bankern, sondern von unabhängigen Geistern", wie es in der Fernsehsendung hieß. Dabei sollte man sich auch der Vordenker von gestern erinnern, von Proudhon über Gesell bis zu Keynes. Auch wenn hier sicher manches auf unsere Zeit bezogen umgedacht werden muß, enthält gerade das Hauptwerk des letztgenannten, die ,Allgemeine Theorie der Beschäftigung, des Zinses und des Geldes" aus dem Jahr 1936, in vieler Hinsicht interessante Lösungshinweise, wie die bereits zitierten Passagen im 32. Kapitel zeigen. Das trifft auch auf die in seinem Buch geäußerte Vermutung zu, ,daß die Zukunft mehr vom Geist Gesells als von jenem von Marx lernen wird". Gerade nach dem Scheitern des Marxschen Ansatzes sollte man diesen Spuren vielleicht einmal gründlicher nachgehen.

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Helmut Creutz ist Autor des Buches
<
Das Geldsyndrom>, Ullsteintaschenbuch,
ISBN 3-548-35456-4

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