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Beitragsreihe verantwortungsbewusstes Handeln
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Die Börsen boomen - wie lange noch?

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Verfolgt man die täglichen Nachrichten von den Börsen und Finanzmärkten, kann es einem oft schwindlig werden. Da schießen Kurse über Nacht in die Höhe oder stürzen ab, obwohl sich in den Unternehmen, auf die sie sich beziehen, nichts verändert hat. Da ist von Aktienpaketen die Rede, deren Kurswerte in zwei Jahren auf das zwanzigfache angestiegen sind, während andere von der Bildfläche verschwanden. Da werden tagtäglich Umsätze getätigt, deren Größenordnungen man kaum noch nachvollziehen kann, z. B. daß an den deutschen Börsen der Aktienhandel 1998 ein Plus von 45 Prozent gemacht hat und der Gesamtumsatz bei 10,7 Billionen DM lag.

Beurteilen kann man solche Zahlen nur, wenn man sie auf halbwegs vorstellbare Größen herunterrechnet oder mit bekannten Größen vergleicht. So entsprachen beispielsweise die genannten 10,7 Bio DM genau dem Dreifachen unseres Sozialprodukts. Oder geht man von 240 Arbeits- und Börsentagen aus, dann lag der Tagesumsatz an den Börsen beim 14fachen der Steuern, die der Staat täglich von uns erhält.

Nun darf man allerdings die Umsätze an den deutschen Börsen nicht mit den Aktienwerten bzw. -beständen verwechseln. Einmal betreffen diese Umsätze nur zur Hälfte den Aktienhandel, der 1998 bei 5,4 Bio DM lag. Die andere Hälfte entfällt auf den Handel mit festverzinslichen Wertpapieren und andere Rentenwerte. Zum anderen übersteigen die Umsätze den Wert der Aktienbestände um ein mehrfaches. Würde z.B. das gesamte deutsche Aktienkapital nur einmal im Jahr den Besitzer wechseln, lägen die Umsätze p.a. statt bei 5,4 Bio nur bei 1,3 Bio DM. Das heißt, die deutschen Aktienbestände wurden im vergangenen Jahr rund viermal umgesetzt.

Die ständig steigenden Rekordumsätze an den Börsen, die ihrerseits die Aktienkurse in die Höhe treiben und damit wiederum die Umsatzzahlen, sind also vor allem eine Folge zunehmender Bestandsumschichtungen, verstärkt noch durch die oft irrealen Kursanstiege. Diese immer hektischeren Bestandsumschichtungen werden überwiegend von einigen Dutzend Großbanken, Investmentfonds und Pensionskassen gemanagt, die über vielstellige Milliardenvermögen von Millionen Einlegern verfügen. Diese Finanzinstitute versuchen durch solche spekulativen Käufe und Verkäufe ihre Jahresergebnisse möglichst etwas günstiger zu gestalten als ihre Konkurrenten, was wiederum die Anlageentscheidungen der Massen zu ihren Gunsten beeinflußt. Außerdem haben die weltweiten Verflechtungen aller Märkte und die elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten das Tempo und die Größenordnung der Umsätze nochmals beschleunigt.

Wie groß ist das Aktienkapital weltweit?

Geht man von Zahlen der Weltbank aus, dann lag der Kurswert des gesamten weltweiten Aktienkapitals Ende 1997 bei 20,2 Billionen USDollar. Wohlgemerkt: der Kurswert, nicht der Nennwert, der früher auf den Aktien angegeben war und eigentlich den wirklichen Anteilswert der Aktie an dem herausgebenden Unternehmen wiedergibt.

Wie sich die genannten 20,2 Billionen Dollar auf die Welt verteilen, geht aus den schwarzen Säulen in der <Darstellung> hervor, jeweils in Prozenten des Gesamtbestandes. Demnach verfügten die Vereinigten Staaten über den Löwenanteil, nämlich 42 Prozent des Welt-Aktienkapitals. Auf dem zweiten Platz folgte Japan mit rund 15 Prozent, gefolgt von Großbritannien mit knapp 9 Prozent. Deutschland lag mit nur noch 3,3 Prozent auf dem vierten Platz. Bei den weiteren neun ausgewiesenen Ländern sanken die Anteile dann noch weiter ab, bis auf 1,3 Prozent in Brasilien.

In allen anderen hier nicht aufgeführten Ländern, zu denen z.B. auch Spanien, Schweden, Belgien sowie die übrigen Länder Lateinamerikas und des ehemaligen Ostblocks gehören, einschließlich Rußland und China, lagen die Anteile also noch niedriger. Insgesamt verfügte dieser »Rest der Welt«, der in der <Darstellung> rechts außen eingetragen ist, zusammen nur über knapp 16 Prozent des Aktienkapitals, also nur über soviel wie Japan allein.

Wie sieht das mit den Pro-Kopf-Anteilen aus?

Noch aufschlußreicher als die Länderverteilungen sind die Umrechnungen auf die Bürger in den Ländern. Sie gehen aus den schraffierten Säulen in der Grafik hervor, jeweils in US-Dollar.

Das Ergebnis dieser Aufschlüsselung ist überraschend: Nicht die USBürger sind bei der Pro-Kopf-Verteilung die Spitzenreiter, sondern mit 71.613 Dollar die Bürger Hongkongs! Bedenkt man, daß in diesem Stadtstaat das Gros der Bevölkerung immer noch relativ arm ist, wird erkennbar, in welchem Maße sich das Aktienkapital dort konzentrieren bzw. in ausländischen Händen befinden muß. Bei dem zweiten Sieger, nämlich der Schweiz mit 55.342 Dollar pro Kopf, kann man jedoch davon ausgehen, daß diese Werte weitgehend im Land zu Hause sind, wenn auch hier keineswegs gleichmäßig verteilt. Erst an dritter Stelle folgen dann mit 31.884 Dollar die US-Bürger.

In drei weiteren Ländern, nämlich Großbritannien, Niederlande und Japan, liegen die Pro-Kopf-Beträge immerhin noch über 20.000 Dollar. Mit 8.142 Dollar gehört Deutschland dagegen bereits zu den drei Schlußlichtern der angeführten 12 Spitzenstaaten. Nur in Italien und Brasilien sind die Anteile geringer.

Rechnet man für diese 12 Staaten, in denen rund 890 Millionen Menschen leben, den Mittelwert aus, dann kommt man auf rund 19.000 Dollar Aktienwerte pro Kopf. Für die restlichen 5040 Millionen Menschen - immerhin 85 Prozent der Weltbevölkerung - bleiben dann noch ganze 613 Dollar pro Kopf übrig, also ein Dreißigstel jenes Betrages, über den die Bürger in den 12 herausgezogenen Ländern durchschnittlich verfügen!

Warum sind die Bestände in Deutschland so gering?

Daß die Aktienbestände in Deutschland, verglichen mit den meisten anderen Industrienationen, nur eine relativ geringe Rolle spielen, hat zwei Ursachen. Einmal werden von den gesamten Geldvermögen nur 15 Prozent in Aktien gehalten, bei den Geldvermögensbeständen der privaten Haushalte sogar nur acht Prozent. Zum anderen sind Aktien auch bei den deutschen Unternehmen nicht allzu beliebt. Sie finanzieren sich lieber über Bankkredite oder festverzinste Schuldverschreibungen, da sie damit den Offenlegungen ihrer Bilanzen wie auch den Einmischungen der Aktionäre in ihre Geschäftspolitik entgehen. Selbst die Telekom, die mit ihrer weltweiten Emissionskampagne Schlagzeilen machte, hat mit dem Erlös der Aktienausgabe in Höhe von rund 15 Mrd DM bisher nur ein Siebtel ihrer Schulden abgelöst. Rechnet man die von der Weltbank ausgewiesenen 8.142 Dollar Aktien pro Kopf in Deutschland in D-Mark um, entfielen auf jeden deutschen Bürger 13.500 DM bzw. auf jeden Haushalt rund 30.000 DM. Berücksichtigt man jedoch, daß nur etwa ein Zehntel der Haushalte überhaupt über Aktien verfügen, kommt man bei diesen bereits auf einen Durchschnittsbetrag von fast 300.000 DM. Aber auch bei diesem Zehntel konzentriert sich das Gros des Aktienkapitals nochmals bei einer Minderheit. So verfügt z.B. allein die Familie Ouandt - Hauptaktionär von BMW - über ein Aktienkapital von mehr als zwölf Milliarden DM, also über das Viermillionenfache jenes Durchschnittsbetrags von 30.000 DM, der auf alle Deutschen rechnerisch entfällt!

Wie solche Zahlen und Vergleiche zeigen, liegt das eigentliche Problem weniger bei den ausufernden Spekulationen und Umsätzen an den Börsen, als vielmehr bei den ausufernden Entwicklungen und Verteilungsunterschieden im Bereich der Geldvermögen. Erst diese Eskalation der Besitzstandsgrößen und -umverteilungen, die sich mangels anderer gewinnträchtiger Anlagemöglichkeiten zunehmend auf die Börsen stürzen, machen die Finanzmärkte zu jener tickenden Zeitbombe, die nach mathematischen Gesetzmäßigkeiten irgendwann einmal hochgehen muß. Die Frage ist nur, wie lange der Ballon noch aufzublasen geht und welche Folgen mit seinem Platzen verbunden sein werden.

 

Helmut Creutz ist Autor des Buches
<
Das Geldsyndrom>, Ullsteintaschenbuch,
ISBN 3-548-35456-4

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