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Beitragsreihe verantwortungsbewusstes Handeln
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H  E  L  M  U  T       C  R  E  U  T  Z


.Warum nimmt bei uns die Armut zu?

(ausführliche Fassung)

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(lesen Sie hierzu auch ,,Vermögen in Deutschland")

 

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Seit rund 15 Jahren ist bei uns zunehmend ein Begriff ins Gespräch gekommen, der eigentlich längst überwunden schien: die Armut. Weil sie vorher verschwunden war, spricht man auch von der >Neuen Armut<. Und inzwischen gibt es sogar offizielle Armutsberichte, die dem Bundestag vorgelegt werden. - Was steckt dahinter?

Armut ist zuerst einmal ein relativer Begriff. Für mehr als 80 Prozent der Menschen auf der Erde ist ein Sozialhilfeempfänger in Deutschland ein reicher Mensch, für einen Spitzenmanager aber ein armer Schlucker. Armutsabstufungen gibt es also nicht nur zwischen unterschiedlich entwickelten Ländern, sondern auch innerhalb derselben. Darum müssen wir zwischen globalen und nationalen Gegebenheiten im Bereich der Armut unterscheiden.

Läßt sich der Grad der Armut zwischen den Ländern trotzdem vergleichen

Um Vergleiche zu ermöglichen, hat man einen für alle Länder gültigen Schlüssel festgelegt. Demnach gelten solche Haushalte als arm, die weniger als die Hälfte des jeweiligen Durchschnittseinkommens beziehen, und solche Haushalte als reich, deren Einkommen die doppelte Höhe des Durchschnittseinkommens übersteigt. Es kommt also erst zu einem Überschreiten dieser beiden Grenzen, wenn die oberen Einkommen das Vierfache der unteren erreicht haben. Die an diesem Raster fest zu machenden Überschreitungen geben also Auskunft darüber, welchen Grad der Einkommensdiskrepanz das jeweilige Land erreicht hat.

Wie es nach diesem Schlüssel mit der Armut in Europa aussieht, geht aus der <Darstellung A> hervor. Demnach gibt es in Portugal, Griechenland und - für viele überraschend auch Großbritannien, zwei- bis dreimal soviel Armut wie in Dänemark, Deutschland oder Belgien. Zumindest bei den erstgenannten Ländern wird man seine Vorurteile bestätigt finden: Die Südländer sind ärmer. Dieser Schluß träfe jedoch nur zu, wenn sich die angeführten Armutsprozentsätze auf den europäischen Einkommensdurchschnitt beziehen würden. Sie beziehen sich jedoch immer nur auf den Durchschnitt des jeweiligen Landes!

Die hohen Prozentzahlen weisen aber nicht nur auf eine hohe Armut hin, sondern auch auf eine besonders hohe Reichtumskonzentration, also auf besonders krasse Unterschiede zwischen Arm und Reich. Denn da die Armut auf den Einkommensdurchschnitt bezogen ist, kann es nur zu Unterschreitungen der Armutsgrenze kommen, wenn es auf der anderen Seite auch besonders hohe Einkommen und damit einen entsprechend hohen Reichtum gibt.

Wie kommt es zu dieser Wechselbeziehung?

Wie bereits erwähnt, ist der Ausgangspunkt dieser Armutseinstufung das durchschnittliche verfügbare Einkommen der Haushalte. Der Summe aller Abweichungen von diesem Durchschnitt nach unten muß darum eine genauso hohe Summe von Einkommensabweichungen nach oben gegenüberstehen. Das Durchschnittseinkommen ist gewissermaßen der Drehpunkt einer Wippe, deren Balken auf der einen Seite im gleichen Umfang nach unten gehen müssen, wie sie auf der anderen Seite ansteigen. Und je konzentrierter sich die Einkommen bei wenigen Haushalten zusammenballen und je steiler sie nach oben schießen, um so größer ist die Zahl der Haushalte, die mit ihrem Einkommen unter dem Durchschnitt liegen bzw. sogar in die Armutszone geraten.

Die unterschiedlichen Armutsergebnisse in den europäischen Ländern sind also eine Folge unterschiedlicher Einkommens- und Reichtumskonzentrationen.

Wie sieht die Verteilung in Deutschland aus?

In Deutschland lag das gesamte verfügbare Einkommen 1997 bei 2400 Mrd. DM. Umgerechnet auf die rund 34 Millionen Haushalte bzw. Erwerbstätigen ergab sich daraus ein durchschnittliches Jahreseinkommen von 70.000 DM. Ausgehend von diesem Durchschnitt, lag die Armutsgrenze bei 35.000 DM und die Reichtumsgrenze bei 140.000 DM.

Diese Aufteilung geht aus der <Darstellung B> hervor, in der die Jahreseinkommen von Null bis zu einer Höhe von 280.000 DM sichtbar gemacht sind.

Ausgehend von verschiedenen statistischen Unterlagen, wurde der Verteilungskurve in der Darstellung zugrunde gelegt, daß 15 Prozent der Haushalte 1997 ein geringeres Einkommen als 35.000 DM hatten, während es bei 25 Prozent der Haushalte den Durchschnitt von 70.000 DM überstieg. Die entsprechenden Punkte sind in der Darstellung markiert, ebenso der Punkt, bei dem etwa die Einkommen die Reichtumsgrenze überschreiten.

Der auf der Durchschnittslinie herausgehobene Punkt ist der Drehpunkt unserer »Wippe«. Auch wenn die »Balken« einen gebogenen Verlauf aufweisen, müssen hier die gesamten den Durchschnitt übersteigenden Einkommensteile genau so groß sein wie die Summe der darunter liegenden (siehe schraffierte Flächen).

Vergleicht man diese Flächen, dann wird deutlich, in welchem Maße die Einkommen noch über die Grafik hinausschießen müssen, um dieses Gleichgewicht zu erreichen. Bedenkt man, daß das Jahreseinkommen eines hundertfachen Millionärs mit rund 6 Millionen beim Zwanzigfachen der Darstellungshöhe liegt, das eines einfachen Milliardärs beim Zweihundertfachen, wird dieser Ausgleich nachvollziehbar. Deutlich wird aber auch, in welchem Maße diese Spitzeneinkommen von jenen aus Vermögensbesitz bestimmt werden.

Wird auch bei uns die »Neue Armut« weiter steigen?

Da die Geldvermögen in Deutschland wesentlich rascher zunehmen als die Wirtschaftsleistung und dieser Prozeß unter den heutigen Gegebenheiten nicht aufzuhalten ist, muß auch bei uns die Einkommens-Polarisierung wie bisher weiter ansteigen. So sind z.B. - laut Bundesbank- die Zinsausschüttungen der Banken von 1970 bis 1997 auf das Zwölffache eskaliert, während das Sozialprodukt nur auf das Fünffache und die Bruttolöhne und -gehälter je Beschäftigten nur auf das 3,6fache zunahmen.

Dieser Trend der Einkommensverschiebung geht auch aus der <Darstellung C> hervor: Während der Einkommensanteil aus Unternehmertätigkeit und Vermögen - trotz Rückgangs der selbständig Beschäftigten - um die Hälfte zunahm, ging der Einkommensanteil aus unselbständiger Arbeit - trotz deutlicher Zunahme der Arbeitnehmer-ständig zurück.

Da dieser Trend aufgrund des Zinseszinseffekts weitergehen muß, und wir uns ein Absenken der Zinssätze wegen der dann drohenden Deflationsgefahren heute nicht erlauben können, wird also auch bei uns die »Neue Armut« weiter fortschreiten müssen, mit all ihren Gefahren für den sozialen Frieden. Es sei denn, wir würden mit einer Geldordnungs - Korrektur dafür sorgen, daß die Zinssätze zusammen mit dem Wirtschaftswachstum absinken.

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Helmut Creutz ist Autor des Buches
,,Das Geldsyndrom"
, Ullsteintaschenbuch,
ISBN 3-548-35456-4

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