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Beitragsreihe verantwortungsbewusstes Handeln
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H  E  L  M  U  T       C  R  E  U  T  Z

 

- Bündnis für Arbeit -
Ein wichtiger Partner fehlt am Tisch

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Fast alle Bemühungen um die Schaffung neuer Arbeitsplätze konzentrieren sich bisher auf die Ankurbelung der Wirtschaftstätigkeit. Dabei wollen die Gewerkschaften diese eher über eine Ausweitung der Massen - Kaufkraft erreichen, die Unternehmerverbände über günstigere Rahmenbedingungen für Investitionen. Und die Politiker und Ökonomen neigen - je nach Couleur - mal zur Förderung des einen oder des anderen Weges.

Ein wesentlicher konjunktureller Wirkungsfaktor bleibt jedoch in den Überlegungen beider Seiten bislang ausgeklammert, nämlich die negativen Auswirkungen der monetären Überentwicklungen auf die Konjunktur, speziell die der Schulden und Zinsströme.

Die Auswirkungen der Verschuldungen

Die Gesamtverschuldungen in unserem Land sind seit 1950 viermal rascher angestiegen als die Wirtschaftsleistung. Konkret: Auf jede Mark Sozialprodukt kommen heute 2,50 DM Schulden, während es 1950 erst 60 Pfennig waren. Höhere Schulden aber bedeuten nicht nur höhere Lasten, sondern, aufgrund ihrer Unausweichlichkeit, für die verschuldeten Unternehmen auch eine Einschränkung ihrer Dispositionsfähigkeit. Gleichgültig ob ein Unternehmen zu- oder abnehmende Umsätze macht, schwarze oder rote Zahlen schreibt: die Zinszahlungen sind fixe Lasten, die selbst dann zu leisten sind, wenn die Produktionsanlage, für die der Kredit aufgenommen wurde, stillgelegt wird. Während durch Entlassungen von Arbeitskräften also Kosten eingespart werden können, laufen sie bei den kreditfinanzierten Investitionen weiter.

Es ist verständlich, dass man unter solchen Umständen eher Arbeitskräfte entlässt, als dass man eine Produktionsanlage abschaltet. Das gilt ganz besonders, wenn die Löhne, nicht aber die Maschinen, mit hohen Nebenkosten verbunden sind. Zur Minderung der fixen Kosten ist man ausserdem daran interessiert, die Maschinenlaufzeiten auszuweiten, nach Möglichkeit rund um die Uhr und sogar übers Wochenende hinweg.

Sind die Unternehmen noch ausreichend liquide bzw. kreditwürdig, dann werden diese Mittel statt zur Schaffung von Arbeitsplätzen zum Arbeitsplatzabbau verwendet, Menschen also zusätzlich durch Maschinen ersetzt. Darauf hat der Vorsitzende der CDU-Mittelstandsvereinigung, Klaus E. Bregger, in der Berliner Zeitung vom 11.1.96 ausdrücklich hingewiesen. Denn - wie es weiter in dem Bericht hieß - "Wer Geld mit Geld verdiene, werde risikoarm reich, wer aber Geld mit Arbeitsplätzen verdiene, werde risikoreich arm". Und dieser Druck zu Einsparungen im Lohnsektor wird umso stärker, je höher die Verschuldungen und die damit verbundenen unausweichlichen Kosten sind. Das trifft besonders auf den Mittelstand zu, wie sich an den Insolvenzen ablesen lässt.

In welchem Ausmaß die Verschuldungen der Produktionsunternehmen in den vergangenen Jahrzehnten zugenommen haben, wird deutlich, wenn man deren Höhe mit jener der Wertschöpfung vergleicht: 1960 Lagen die Verschuldungen noch bei 80 Prozent der Nettowertschöpfung, 1980 bereits bei 120 Prozent und 1997 bei 200 Prozent. Das heisst, die durchschnittliche Verschuldung der Produktionsunternehmen hat seit 1960 auf das Zweieinhalbfache zugenommen und inzwischen das Doppelte der jährlichen Wertschöpfung erreicht! Dieser hohe Verschuldungsgrad ist deshalb besonders problematisch, weil bei plötzlichem Anstieg der Zinssätze die Zinslasten jeweils schlagartig eskalieren und alle Wirtschaftlichkeitsberechnungen über den Haufen werfen können.

Die Auswirkungen der Hochzinsphasen

In welchem Ausmaß die Kreditkosten in Hochzinsphasen explodieren, wird nachvollziehbar, wenn man sich vergegenwärtigt, dass ein Zinssatzanstieg von beispielsweise vier auf sechs oder (wie 1988 - 1992) von sechs auf neun Prozent eine 50-prozentige Erhöhung der Zinslast bedeutet. Das bestätigen auch die Zahlen in der nachfolgenden Tabelle, in der die Veränderungen verschiedener Schlüsselgrößen in der letzten Zinsanstiegsphase 1988 bis 1992 mit jenen der Zinslasten verglichen werden:

<Tabelle> (die Tabelle wird parallel zu dieser Seite angezeigt.)

Die Zahlen zeigen als erstes, dass die Lohnanstiege in den Jahren 1988 bis 1992 keinesfalls Ursache der damals lautstark diskutierten "Gefahren für den Standort Deutschland" waren. Im Gegenteil: Die Bruttolohnanstiege blieben um rund ein Zehntel hinter der Wirtschaftsleistung zurück, die Nettolohnentwicklungen sogar um zwei Zehntel!

Ähnlich sah es im Bereich der Produktionsunternehmen aus: Sowohl die Nettowertschöpfung dieses wohl wichtigsten Wirtschaftszweiges als auch die dort geleisteten Bruttoeinkommen aus unselbständiger Arbeit entsprachen der Entwicklung des BIP. Völlig aus dem Rahmen aber fiel mit 92 Prozent der Anstieg der von den Produktionsunternehmen gezahlten Schuldenzinsen, was zum Teil auf das Konto von Kreditausweitungen geht, überwiegend aber auf das der erhöhten Zinssätze.

Diese für das Fremdkapital aufzubringenden Zinsen nahmen also in den vier Jahren fast dreimal so rasch zu wie die Wertschöpfung! Auf der Strecke blieben - wie in jeder Hochzinsphase - zuerst einmal die Einkommen aus Unternehmertätigkeit, deren Sinken immer erst mit Verzögerung, vor allem durch Einsparungen im Lohnsektor, ausgeglichen werden kann.

Im Durchschnitt alter Produktionsunternehmen, also unter Einbeziehung der unverschuldeten Betriebe, lag die Fremdkapitalbelastung je Arbeitsptatz 1988 etwa bei 6.000 DM, vier Jahre später bei knapp 12.000 DM. Bei hochverschuldeten Unternehmen können diese Größen ein Mehrfaches dieser Durchschnittswerte erreichen. So war z.B. 1997 jeder Arbeitsplatz bei der Telekom - trotz Schuldenreduzierung durch die Aktienausgabe - mit rund 38.000 DM Fremdkapitalzinsen belastet.

Die "Gefahren für den Standort" bzw. konkreter: für die Gesamtwirtschaft und die Arbeitsplätze gehen also einmal von dem langfristigen überproportionalen Anstieg der Schulden aus, auf den sich dann in Hochzinsphasen die eskalierenden Zinslasten gewissermaßen aufdoppeln. Die Größenordnung und Gefährlichkeit dieser letztgenannten Entwicklungen werden durch den explosiven Anstieg der bankbezogenen Werte in der Tabelle bestätigt.

Noch griffiger werden alle diese Größenordnungen und Entwicklungen durch Vergleiche in absoluten Zahten. So entsprachen die Bankzinserträge bereits 1992 mit 445 Mrd DM den Einkünften des Bundeshaushalts und der halben Nettolohn- und - gehaltssumme. Und mit 202 Mrd. DM in den vier Jahren war ihr Anstieg wesentlich größer als jener der genannten Arbeitnehmer-Nettoeinkommen, die in der gleichen Zeit nur um 168 Mrd. DM zulegten.

Es ist völlig unverständlich, dass solche Kostenexplosionen von 80 bis 100 Prozent innerhalb von vier Jahren so gut wie keine Schlagzeilen in den Medien hinterlassen haben. Man stelle sich nur einmal die Größe der Überschriften vor, wenn die Gesundheitskosten oder die Lohn- und Einkommensteuern - im Jahre 1988 Posten ähnlichen Umfangs - innerhalb von vier Jahren auf das Doppelte angestiegen wären!

Inzwischen sind die Zinsströme im Bereich der Banken - trotz der auf einen bislang nicht gekannten Tiefststand abgesunkenen Zinssätze! - weiter eskaliert: 1997 hatten die Bankzinserträge in Gesamtdeutschland mit 555 Mrd DM bereits 57 Prozent der im gleichen Jahr gezahlten Nettolöhne und -gehälter erreicht, und die Zinsausschüttungen der Banken, die 1988 noch bei 171 Mrd gelegen hatten, die 400 Mrd. DM - Marke überschritten!

War die Hochzinsphase 1988-1992 ein Einzelfall?

Die Antwort auf diese Frage ergibt sich aus der <Darstellung 1>. In ihr wird die Entwicklung der Bankzinserträge für den Zeitraum 1968 bis 1997 in Prozenten des Sozialprodukts als "Zinslastquote" wiedergegeben und mit der Arbeitslosenquote verglichen.

Wie aus dem Verlauf der Zinslastquote zu ersehen, hat es in den erfassten 29 Jahren drei Zinsanstiegsphasen gegeben, mit den Höhepunkten 1974, 1982 und 1993, denen jedesmal ein Anstieg der Arbeitslosigkeit folgte. Die zeitverschobene Parallelität beider Kurven ist fast verblüffend. Das gilt sowohl für den Trend zum langfristigen Anstieg, der aus der Schulden-Überentwicklung resultiert, als auch für die zwischenzeitlichen Schwankungen als Folge der Zinssatz-Veränderungen.

Ursache der den Zinsen nachfolgenden Arbeitslosigkeit ist, dass die Unternehmen, aufgrund der gesättigten bzw. übersättigten Märkte, die kurzfristig ansteigenden Zinslasten nicht mehr über die Preise weiterwälzen können, sondern durch Einsparungen ausgleichen müssen. Wie bereits dargelegt, sind den verschuldeten Unternehmen solche Einsparungen fast nur noch im Lohnbereich oder durch Rückstellungen von Investitionen möglich. Beides führte zu jenen dreimaligen Anstiegen der Arbeitslosigkeit, aus denen der heutige Höchststand resultiert.

Besonders deutlich wird die Beziehung zwischen Zinslastquote und Arbeitslosigkeit bei Erreichen des Zinslastgipfels: Ein Jahr danach bricht jeweils auch der steile Anstieg der Arbeitslosenquote ab. Zu einer Wiederbelebung der Konjunktur und einer daraus resultierenden Entspannung des Arbeitsmarktes kommt es jedoch immer erst nach einer mehrjährigen Abstiegsphase der Zinslastquote und einer ihr folgenden Erholungsphase für die Unternehmen.

Wie aus der <Darstellung 1> ersichtlich, ist es nach 1993, im Gegensatz zu den Konjunktureinbrüchen 1974 und 1982, noch nicht zu einer solchen Abstiegs- und Erholungsphase gekommen. Die Zinslastquote ging diesmal nur ein Jahr lang zurück, um anschließend wieder anzusteigen. 1997 kam es dadurch mit 15,4 Prozent in Gesamtdeutschland (bzw. 26,4 Prozent im Westen) sogar zu einem neuen Nachkriegs-Höchststand.

Der Tatbestand, dass es von der Zinsseite her bislang zu keiner Entlastung für die Wirtschaft kam, dürfte auch die Hauptursache dafür sein, dass die Arbeitslosenquote nach dem kurzen Rückgang 1994 wieder angestiegen ist. Die bislang ausgebliebende Zins-Absenkungsphase dürfte auch der entscheidende Grund dafür sein, dass die Firmenpleiten, die jedes Jahr mit fast einer halben Million zusätzlicher Entlassungen verbunden sind, auch noch 1998 weiter angestiegen sind.

Dass es trotz der inzwischen erreichten extrem niedrigen Zinssätze bislang zu keiner Entlastung für die Wirtschaft gekommen ist, hängt vor allem mit der beschleunigt ansteigenden Verschuldung zusammen. Diese Schuldenzunahme hat den Vorteil der sinkenden Zinssätze gewissermaßen aufgezehrt bzw. sogar überkompensiert. Und die bisherigen Wachstumsraten des Sozialprodukts reichten nicht aus, um diesen Effekt auszugleichen.

Die Rolle der Geldvermögen

Noch weniger als die Schulden wird im allgemeinen das Geldkapital mit der Arbeitslosigkeit in Verbindung gebracht. Dabei sind die im Übermaß wachsenden Geldvermögen die Auslöser der problematischen Verschuldungsentwicklungen. Denn mit jeder ersparten Mark können diese Verschuldungen nicht nur ausgeweitet werden, sondern sie müssen damit ausgeweitet werden. Ohne diese Rückführung der Ersparnisse via Kredit in den Nachfragekreislauf würde es zu Geldmangelerscheinungen in der Wirtschaft mit zunehmenden deflationären Gefahren kommen.

Problematisch bei dieser Kaufkraft-Rückführung über Kredite aber ist, dass sich als Folge dieses Umwegs - zusammen mit den Schulden - auch die Zinsbelastungen in der Wirtschaft überproportional erhöhen. Damit wiederum fliesst auf der anderen Seite den Geldvermögen ein immer größerer Anteil aus dem Volkseinkommen zu, der ebenfalls rascher wächst als die allgemeine Wirtschaftsleistung. Da jeder Kuchen aber nur einmal gegessen werden kann, müssen als Folge dieses übermäßigen Wachstums der Einkommen aus Geldvermögen die Einkommen aus Arbeit zwangsläufig immer mehr zurückfallen.

In den ersten Nachkriegsjahrzehnten, in denen die Schulden und Geldvermögen noch relativ gering waren, konnte dieser Rückgang der Arbeitseinkommen durch das Wirtschaftswachstum noch kompensiert bzw. sogar überkompensiert werden, wenn auch mit ständig abnehmender Tendenz. Inzwischen aber haben wir den Punkt erreicht, an dem die bislang relativen Lohnkürzungen ins Absolute umzukippen beginnen - eine Entwicklung, die wir in Großbritannien und in den USA bereits seit zehn bis fünfzehn Jahren beobachten können.

Wie sich die Geldvermögen und Lohneinkommen bei uns bereits auseinanderentwickelt und gegen die Wirtschaftsleistung verschoben haben, geht aus der <Darstellung 2> hervor. In ihr sind die jährlichen Zuwachsraten der genannten Größen in Mrd DM ausgewiesen, jeweils als Dekaden-Mittelwerte.

Während die Zuwachsraten des Sozialprodukts langfristig tendentiell linear angestiegen sind, geben die Zuwächse der Geldvermögen eine förmlich explosive Entwicklung wieder. In den ersten zwei Jahrzehnten noch relativ nahe bei der Entwicklung der Wirtschaftsleistung, lagen sie in den 70er Jahren beim l,8fachen und in den 80er Jahren beim 2,5fachen derselben. Von 1991 bis 1997 erreichten sie - mit einem tagtäglichen Zuwachs von inzwischen gut 1,3 Mrd. DM! - bereits das Vierfache des BSP-Wachstums.

Bei den Löhnen ist es dagegen umgekehrt: In den ersten Jahrzehnten bei einem Drittel des BSP-Zuwachses liegend, sind sie inzwischen auf ein Achtel zurückgefallen. Wie aus den Milliarden-DM-Beträgen ersichtlich, fielen sie bereits in den 80er Jahren absolut zurück, in den 90er Jahren sogar auf den Stand der sechziger Jahre. Das heisst, die Arbeitleistenden sind an den Ergebnissen ihrer eigenen Arbeit immer weniger beteiligt. Berücksichtigt man den Anstieg der Geldvermögen in den neunziger Jahren in Höhe von 478 Mrd. DM p.a., dann reichten die Nettolohnzuwächse von 15 Mrd. DM noch nicht einmal aus, die zusätzlich in die Preise eingehenden Zinsansprüche aus den hinzugewachsenen Geldvermögen zu befriedigen.

Die zusätzlich in die <Darstellung 2> eingestrichelten Trendlinien machen deutlich, dass diese problematische Entwicklung, die zwangsläufig mit weiteren Einkommens- und Kaufkraftverlusten bei den abhängig Beschäftigten verbunden sind, unter den gegebenen Bedingungen weiter zunehmen müssen.

Was ist zu tun?

Manche Ökonomen, vor allem solche, die den Gewerkschaften nahestehen, plädieren zur Abwendung der Probleme und Belebung der Konjunktur häufig für eine lockere Geldpolitik. Das heißt, die Bundesbank bzw. jetzt die Europäische Zentralbank sollen durch noch niedrigere Zinsen die Nachfrage nach Geld beleben und die Notenpresse ein wenig rascher laufen lassen.

Eine solche Geldpolitik wäre sicherlich ein richtiger Weg, wenn es bei uns an Geld fehlen würde. In Wirklichkeit aber schwimmen wir heute eher im Geld, wie nicht zuletzt die Spekulationen an den Börsen beweisen. Geld ist also nicht knapp, sondern nur falsch verteilt und wird von seinen Besitzern zur Vermeidung weiterer Zinssatzsenkungen auf den langfristigen Kreditmärkten tendentiell zurückhaltender angeboten.

Unter den jetzigen Gegebenheiten könnte zwar eine lockere Geldpolitik eine kurzzeitige Konjunkturbelebung auslösen. Nach etwa zwei Jahren aber würde sich diese Geldvermehrung auf die Preise auswirken und - wie die Erfahrung lehrt - als Inflations- und Zinsauftrieb zu Buche schlagen. Angesichts der inzwischen erreichten Geldvermögens- und Verschuldungsgrößen sowie der bereits vorhandenen sozialen Spannungen wäre die Wirkung eines solchen nochmaligen Zinsauftriebs allerdings katastrophal und vielmals schlimmer, als jene der bisherigen Hochzinsphasen. Vor dem Hintergrund der inzwischen erreichten Schuldenhöhen gilt das nicht zuletzt auch für den Staat.

Ausserdem wäre ein solches Konzept der Geldvermehrung nur dann wirklich erfolgversprechend, wenn es gelänge, die Wachstumsraten der Wirtschaft auf jene der Geldvermögen und Schulden anzuheben. Da letztere jedoch mit 7 bis 8 Prozent im Jahr zunehmen, ist eine solche Angleichung praktisch unmöglich und ausserdem aus ökologischen Gründen indiskutabel. Es bleibt also nur der umgekehrte Weg, nämlich die Anpassung des übermäßigen Wachstums der monetären Größen an eine ökologisch vertretbare Entwicklung der Wirtschaftsleistung.

Eine solche Anpassung könnte sich gewissermaßen von alleine ergeben, wenn man dem Automatismus des übermäßigen Wachstums und der Konzentration der Geldvermögen durch sinkende Zinsen entgegenwirken würde. Das aber darf nicht durch eine lockere Geldpolitik geschehen, sondern durch Maßnahmen, die dem vorhandenen Geld "Beine machen" und somit gleichzeitig verhindern würden, dass es - wie heute in Japan - zu massiven Geldhortungen mit deflationären Tendenzen kommt.

Eine solche konstruktive Geldpolitik wäre umsetzbar, wenn der Zins als Knappheitspreis des Geldes den Marktkräften genauso unterstellt würde, wie das bei den Knappheitsgewinnen auf den Gütermärkten der Fall ist. Konkret: Wenn die heutige Möglichkeit, Geld als Monopolgut künstlich zu verknappen und damit die Zinsen hoch zu halten, durch geeignete Maßnahmen unterbunden würde. Diese Maßnahmen müssten bewirken, dass sich Geld auch bei einem gegen Null sinkenden Zins den Märkten weiterhin als dienendes, sowohl verteilungs- als auch wachstumsneutrales Tauschmittel zur Verfügung stellt.

...und die Bedeutung für das Bündnis für Arbeit?

Wie bereits angeführt, nehmen die Forderungen des Geldkapitals an das Sozialprodukt von Jahr zu Jahr um sieben bis acht Prozent zu, gleichgültig ob dieses ausreichend oder überhaupt gewachsen ist.

Solange aber dieser vom Geldkapital beanspruchte, dramatisch wachsende Teil des Sozialprodukts noch ausserhalb jeder Debatte steht, können Arbeitnehmer, Arbeitgeber und Regierung sich immer nur um den "Rest des Kuchens" streiten. Und sie können sich unter den Bedingungen von Arbeitslosigkeit und Lohnsenkungen nur überlegen, ob sie in diesem Streit lieber Konflikte eingehen wie in der Metallindustrie oder ob sie einen Konsens anstreben wie in den Niederlanden oder bei VW. Ansonsten aber müssen sich die Arbeitleistenden und der Staat von Jahr zu Jahr mit weniger zufrieden geben.

Da unter den Arbeitleistenden wiederum die Arbeitgeber am längeren Hebel sitzen, auch wenn sie in den Zinsanstiegsphasen vorübergehend Federn lassen müssen, sind die Verlierer letztlich die abhängig Beschäftigten, und das gleich auf mehrfache Weise: Einmal verlieren immer mehr von ihnen ihren Arbeitsplatz, zum anderen bürdet man den weiterhin Beschäftigten immer größere Sozialleistungen auf, und außerdem nehmen in den Endverbraucherpreisen die Zinsanteile zu, mit denen die Kapitalansprüche befriedigt werden müssen - inzwischen bereits etwa 40 Pfennig je ausgegebener Mark. Bei Mieten und den Preisen anderer kapitalintensiver Güter liegen die Zinsanteile, die sich über die Produktions- und Handelsstufen akkumulieren, oft schon beim Doppelten dieses Satzes.

Zu den Gewinnern dieser zinsbedingten Einkommensumverteilung zählen nur die Haushalte, deren zinsbringende Vermögenswerte etwa das Acht- bis Zehnfache ihrer Haushalts-Jahresausgaben übersteigen. Denn erst dann können sie die Verluste, die sie über die Zinsanteile in allen Preisen tragen müssen, durch Zinseinkünfte wieder ausgleichen. Das aber heisst, 80 bis 90 Prozent der Haushalte, die sich heute als Sparer oder Kleinaktionäre ihrer Zinseinnahmen erfreuen und in diesem Umverteilungssystem als Gewinner fühlen, sind in Wirklichkeit Verlierer.

Mit der anzustrebenden Anpassung der Zinssätze wie der Geldvermögens- und Schuldenentwicklungen an die Wirtschaftsleistung würde auch der letztlich unerfüllbare Zwang zum ständigen Wirtschaftswachstum nachlassen, das wir heute benötigen, um durch ständige Vergrößerung des Leistungskuchens den sozialen Frieden noch eine Weile halbwegs zu gewährleisten. Bei Überwindung dieses Wachstumszwangs kämen wir dagegen in die Lage, nachhaltige Wirtschaftsformen, ökologische Kreislaufmodelle wie auch wirksame Ökosteuern einzuführen, ohne einen ökonomischen und sozialen Kollaps befürchten zu müssen.

Ausserdem würde es möglich, den weiteren technischen Fortschritt in immer kürzere Arbeitszeiten umzusetzen, und zwar ohne Reduzierung unseres heutigen Wohlstands. Durch eine solche flexible Arbeitszeitverkürzung könnten wir auch die vorhandene sinnvolle Arbeit sinnvoll unter alle Arbeitswilligen verteilen und damit eine ständige Vollbeschäftigung erreichen. Und auch das wieder ohne Kaufkraftverluste, da bei sinkenden Zinsen und schließlich einem verteilungsneutralen Zinssatz um Null die Steigerungen der Produktivität allen Bürgerinnen und Bürgern über sinkende Preise zugute kommen, selbst bei einem evtl. noch weiter wachsenden Kapitalstock.

Bedenkt man, in welchem Maße der spekulative Missbrauch des Geldes heute bereits länderübergreifende Probleme auslöst und inzwischen selbst von Bankern die Gefahren einer "monetären Kernschmelze" mit unabsehbaren Folgen für die Weltwirtschaft angesprochen werden (Bernhard Lietaer), haben wir also allen Grund, diesen Entwicklungen Einhalt zu gebieten. Das gilt vor allem für die übermäßigen Entwicklungen der Geldvermögen und Schulden, die bei uns wie in der ganzen Welt die Folge fehlerhafter Geldstrukturen sind.

Wenn das Bündnis für Arbeit einen nachhaltigen Erfolg haben soll, müssten also - neben den Arbeitnehmer-, Arbeitgeber- und Regierungsvertretern - auch Vertreter des Geldkapitals mit an den Tisch. Wie alle anderen müßten auch diese sich verpflichten, ihre Ansprüche an das Sozialprodukt nur in dem Maße auszuweiten, wie dieses tatsächlich wächst. Denn so lange die Kapitalansprüche rascher zunehmen als der zu verteilende Kuchen, bleibt für die Arbeitleistenden und den Staat immer weniger übrig.

Gerade für die Gewerkschaften wäre es also angebracht, diese geldbezogenen Aspekte zu überprüfen und in die Diskussion mit einzubeziehen. Das umso mehr, als von ihnen immer wieder die Bürger und die Fachwelt aufgefordert werden, Vorschläge zur Lösung der Arbeitslosigkeit einzubringen.

Mit einer Korrektur der fehlerhaften Geldstrukturen und der Überwindung des Verschuldungszwangs könnte auch der Staat das Bündnis für Arbeit konstruktiv unterstützen, der heute zwar die anderen daran Beteiligten zur Einstellung von Arbeitskräften auffordert, selbst aber immer noch gezwungen ist, Hunderttausende zu entlassen.

Helmut Creutz ist Autor des Buches
<Das Geldsyndrom>, Ullsteintaschenbuch,
ISBN 3-548-35456-4

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